Merkel und Obama : Neue Sachlichkeit

Ein Herz und eine Seele sind sie wohl nicht, könnten aber ein Dream-Team bilden. Angela Merkel und Barack Obama verzichten auf herzliche Gesten – und sind sich trotzdem ganz nah

Christoph von Marschall

Angela Merkel und Barack Obama dürfen sich nicht beklagen über Gerüchte, ihr Verhältnis sei unterkühlt. Sie haben zu dem Eindruck beigetragen, indem sie den Umgangsstil zwischen Präsident und Kanzler stillschweigend veränderten, ohne das zu erklären. Das verunsichert Menschen und lädt zu Missverständnissen ein. Vorbei ist die Zeit der großen Gesten, Hand in Hand über den Gräbern des Weltkriegs, und der ambitionierten Formeln wie „Partner in Leadership“. Vorbei ist auch Gerhard Schröders ruppiger Versuch, Europa unter deutsch- französischer Führung zur Gegenmacht Amerikas aufzubauen.

Das Schlüsselwort für Obamas und Merkels Stil ist „coolness“. In ihrem Fall übersetzt man es am besten mit Nüchternheit, in seinem mit Abgebrühtheit. Gefühligkeit ist „out“, „in“ ist die Vertretung nationaler Interessen. Der Wettlauf, welche Regierungschefs der neue Präsident zuerst empfängt, hat beide nicht besonders interessiert. Merkel hätte im März einen, kurzen, Termin haben können. Doch soll man die Strapazen von zwei Mal acht Stunden Flug für 30 Minuten Small-Talk mit Fotogelegenheit auf sich nehmen? Nun kommt sie später als andere, aber dafür bleibt Zeit für ernste Gespräche.

So betrachtet, könnte aus den beiden ganz gegen den äußeren Anschein ein Dream-Team der neuen Sachlichkeit werden. Obama ist ja beides zugleich: der uneuropäischste und der europäischste Präsident seit langem. Biografisch haben ihn Afrika, die Heimat seines Vaters, und Indonesien geprägt, wo er dreieinhalb Jahre der Kindheit verbrachte. Europa ist ihm relativ fremd. Doch seine Ziele sind im Vergleich zu anderen Politikern Amerikas sehr europäisch: mehr Klimaschutz und alternative Energien, eine allgemeine Krankenversicherung, den Atomkonflikt mit dem Iran politisch lösen, ein neuer Friedensanlauf in Nahost, mehr ziviler Aufbau in Afghanistan.

Je länger Obama im Amt ist, desto klarer versteht er: China und Indien bieten zwar interessante Optionen, aber ein belastbares Kooperationsnetz in Sicherheit (Nato) und Ökonomie (40 Prozent des weltweiten Wirtschaftsaustauschs sind transatlantisch) gibt es nur mit Europa. Deutschland ist dort das Schwergewicht, und es bietet erprobte Ansätze für seine Politik: Solarenergie, Stromeinspeisungsgesetz, Abwrackprämie. Merkel gehört gewiss zu den fünf wichtigsten Partnern für Obama. Wenn ihn die Weltlage zu unpopulären Taten zwingt – gegenüber Nordkorea, Iran oder Russland –, wird es von der Rückendeckung oder Kritik Merkels abhängen, wie groß der internationale Unmut wird.

Für die Kanzlerin zählt der US- Präsident zu den zwei wichtigsten Partnern, allein der französische Präsident kann da konkurrieren, aber eben auch nur, soweit es um die Integration der EU geht. Bei weltweiten Themen sind die USA für Deutschland das Maß der Dinge; ebenso in Wirtschaftsfragen. Der Aufschwung kommt erst, wenn die US-Nachfrage nach deutschem Exportgut anspringt.

Die Bürger erwarten freilich Bilder, die diese Nähe ausdrücken. Wird ihr Treffen auch das leisten?

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