Merkels Rede : Im Geist der Freiheit

Sage Großes mit einfachen Worten, verwende Bilder, die jeder versteht, verknüpfe Gefühl mit klarem Verstand – Angela Merkel hat in Washington vor beiden Häusern des amerikanischen Kongresses vermutlich die Rede ihres Lebens gehalten.

Gerd Appenzeller

Angela Merkel hielt eine Rede des Dankes an das amerikanische Volk, ein Bekenntnis der unverbrüchlichen Verbundenheit zwischen Europa und den USA auf der Basis einer gemeinsamen Werteordnung, aber eben auch die Rede einer Weltpolitikerin, die für ein Land spricht, das der Welt an Hilfen zurückgeben will, was es in den letzten Jahrzehnten selbst empfangen hat. Die drohende Klimakatastrophe, die vom Iran ausgehende Gefahr eines atomaren Krieges, das Existenzrecht des Staates Israel, die weltweite Finanzkrise, der gemeinsame Kampf gegen den Terror – das waren Themen einer Ansprache, die das Signal setzte: Das vereinte Deutschland trägt seine Verantwortung für die Welt.

Kein Land hat die deutsche Einheit so gefördert und den Weg dorthin so zustimmend begleitet wie die Vereinigten Staaten. Kein anderer der westlichen Alliierten hat in den entscheidenden Tagen und Wochen so unbeirrbar volles Vertrauen in die Reife der Deutschen und ihrer politischen Repräsentanten gesetzt. Anders als Francois Mitterrand oder Maggie Thatcher wollte George Bush sen. immer nur ein vereintes und nicht zwei Teil-Deutschlands haben. Nur ein einziges Mal, als es um die Unzweifelhaftigkeit und Unantastbarkeit der deutschen Ost- und damit polnischen Westgrenze ging, musste Washington auf Klarheit drängen.

Angela Merkel, die Frau aus dem Osten, stattete in Washington nicht nur den deutschen, sondern auch ihren ganz persönlichen Dank ab – für die Einheit des von ihr regierten Landes und dafür, dass sie, die Ostdeutsche, es sein kann, die diese Regierung führt. Angela Merkel wurde schon in der Zeit von Barack Obamas Vorgänger, George W. Bush, bei Amerikabesuchen und bei Konferenzen wie der in Heiligendamm fast väterlich, liebe- und respektvoll behandelt. Da schwang eben auch der Stolz darauf mit, wie erfolgreich der deutsche Vereinigungsprozess verlaufen war, und dass es nicht zu dem in London und Paris befürchteten deutschen Dominanzstreben auf dem alten Kontinent gekommen war.

Nach jener Phase der deutschen Politik, in der der vormalige Bundeskanzler Gerhard Schröder mit seinem klaren, vollauf berechtigten Nein zur Beteiligung am Irakkrieg deutlich machte, dass der deutsche Weg nicht automatisch identisch mit dem amerikanischen ist, pflegt die schwarz-gelbe Koalition wieder enge Anlehnung an die Vereinigten Staaten. Das schlägt sich auch gerade in der jüngsten Koalitionsvereinbarung nieder. Merkel zitierte nun Bush senior mit seinem Angebot der „partnership in leadership“ aus dem Jahre 1993. Die Entwicklung in Afghanistan kann leicht zur ersten harten Belastungsprobe dieser neuen Bündnistreue werden.

Dass Merkel nur zu Beginn und am Ende der Rede englisch sprach, erwies sich nicht als Handicap. Diese bewegende Ansprache hatte ja nicht nur amerikanische, sondern auch deutsche und europäische Adressaten – die Öffentlichkeit des Landes, das sie regiert und die Öffentlichkeit der Europäischen Union. Einer Union, die nach der letzten, bislang fehlenden Unterschrift unter den Vertrag von Lissabon von der deutschen Kanzlerin, einer europäischen Politikerin, selbstbewusst als zuverlässiger und starker Partner Amerikas präsentiert wurde.

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