Mescalero-Nachruf : Bekenntnisse eines Scheißliberalen

Ein Essay des Frankfurter Politologen Iring Fetscher zur Debatte um 68, um Protest und Gewalt und die Lernfähigkeit der Bundesrepublik, nicht zuletzt dank der Studentenbewegung.

Iring Fetscher
Iring Fetscher, 1997, in seinem Frankfurter Arbeitszimmer.
Iring Fetscher, 1997, in seinem Frankfurter Arbeitszimmer.Foto: dpa-Bildfunk

Zwanzig Jahre nach Konstituierung der Bundesrepublik begann eine neue Generation sich zu Wort zu melden. Sie war nicht mehr von der persönlichen Erfahrung der Nazizeit und des Krieges geprägt. Wo immer die Jugendlichen jedoch hinreisten, trafen sie auf Menschen, die sie an das erinnerten, was ihre Eltern und Großeltern angerichtet hatten. Daheim aber - in Deutschland - sahen sie in Wirtschaft, Politik, Verwaltung und Justiz noch manchen, dessen Karriere schon vor 1945 begonnen hatte.

Viele junge Menschen konnten an den historischen Bruch und den gelungenen Aufbau der rechtsstaatlichen Demokratie nicht so recht glauben. Auf der Suche nach einem anderen Deutschland griffen sie eher wahllos zu den Traditionen linker Kritik. Kommunisten führten den "deutschen Faschismus" auf den imperialistischen Kapitalismus zurück. Atomwaffen und -reaktoren bedrohten das Leben, und der "Kalte Krieg" wurde zur Beschränkung der Meinungsfreiheit benützt. War also der "deutsche Faschismus" nicht noch immer lebendig? So sahen einige der ideologischen Versatzstücke aus, die unter Studenten und anderen Jugendlichen Anklang fanden. Attraktiver als das kommunistische Deutschland schien ihnen der vermeintlich freiheitlichere chinesische Kommunismus oder Fidel Castros Kuba und Ho Chi Minhs kämpfendes Vietnam.

Zu den Gegenständen meiner Vorlesungen und Seminare gehörte auch die Geschichte der revolutionären Arbeiterbewegung. Dabei sparte ich weder mit Sympathie für die demokratischen Sozialisten noch mit Kritik am Leninismus und an Stalin. In einem Seminar über "Anarchismus" suchte ich den utopisch-liberalen Anarchismus vom gewalttägigen abzugrenzen. Oft kam es zu heftigen Auseinandersetzungen, die ich aber nicht immer als störend empfand. Natürlich war ich für radikale Studierende ein "Scheißliberaler". Kritische Studenten hatte ich aber schon an der New School for Social Research in New York kennen gelernt, von dort brachte ich eine gewisse Gelassenheit mit zurück. Konflikte entstanden, weil ich mich weigerte, eine Veranstaltung "Enteignet Springer!" mit öffentlichen Geldern zu finanzieren. Eine Diskussionreihe über "Die Gefahr der Pressekonzentration" schien mir dagegen angemessen. Theodor W. Adorno weigerte sich, an Demonstrationen teilzunehmen, und Max Horkheimer erinnerte - unter dem Protest von Studierenden - daran, dass die amerikanischen Soldaten entscheidend zur Befreiung Deutschlands und Europas von den Nazis beigetragen hatten.

Dennoch konnte man mit den Protesten gegen den sinnlosen Vietnamkrieg sympathisieren, nur die Protestformen, die später dann zur Gewalt führten, musste man entschieden ablehnen. Ich hatte den Eindruck, dass in Frankfurt die Gefahr des Abgleitens in terroristische Gewalt aber gesehen und gebremst wurde. Daniel Cohn-Bendit hat dazu wesentlich beigetragen. Er war auch einer der ersten, der die vorbehaltlose Zustimmung zu Ho Chi Minh kritisierte.

Mit den aus Nordamerika importierten "Teach-ins, Go-ins, Sleep-ins" ließ sich die Öffentlichkeit nicht nachdrücklich erreichen. Im Gegensatz zu der von Kurt Tucholsky ironisierten rechtsstaatlichen Zahmheit der Sozialdemokraten suchten die Rebellen nach Konfrontation. Anlässe wie der Schah-Besuch in Berlin, eine Friedenspreisverleihung in Frankfurt, der Bau eines Kernkraftwerkes oder die Räumung besetzter Häuser wurden zu großen Demonstrationen genützt. Dabei wurde die gewaltsame Konfrontation mit der Polizei bewusst in Kauf genommen. In Berlin und Frankfurt waren vermutlich die meisten Jugendlichen damals eher "Spontis" als disziplinierte Angehörige der "K-Gruppen". 1968 kam es zum ersten Mal zu einer gewaltsamen Konfrontation mit der Polizei. Cohn-Bendit, Joschka Fischer und Hans-Jürgen Krahl bezogen Prügel.

Zwei Jahre später organisierten Cohn-Bendit und Fischer eine "Betriebsprojektgruppe", ließen sich von den Opelwerken einstellen und suchten die Fließbandarbeiter zu agitieren. Sie nannten ihre Gruppe "Revolutionärer Kampf". Und als die "Revolutionären Zellen" über verbale Gewalt und bald auch über die "Gewalt (nur) gegen Sachen" hinausgingen, kündigte Oskar Negt am 3. Juni 1972 jede Solidarität mit Andreas Baader und Ulrike Meinhof auf. "Es handelt sich", stellte er fest, "um ein Gemisch von Illegalitätsromantik, falscher Einschätzung der gesellschaftlichen Situation als offenen Faschismus und illegitime Übertragung der Stadtguerilla-Praktiken auf Verhältnisse", die nicht "mit denen Lateinamerikas verwechselt werden können". Fischer widersprach damals noch. Es dauerte vier bis fünf Jahre, bis er Negts Beurteilung anerkannte.

Die Generation Fischer hat einen langen Lernprozess durchgemacht, aber auch die politische Kultur der Bundesrepublik hat sich seither gewandelt. Nicht alle Angehörigen dieser Kohorte haben freilich "richtig" gelernt. Einige, wie Horst Mahler, sind von Linksaußen nach Rechtsaußen gewandert. Andere, wie Klaus Rainer Röhl, der seine Zeitschrift von der SED finanzieren ließ, ist zum erzkonservativen Artikelschreiber geworden. Cohn-Bendit, Fischer und viele andere haben erkannt, dass die Schnecke des reformerischen Wandels der Illusion utopischer Ziele vorzuziehen ist und dass Verharmlosung von Gewalt ins Abseits führt.

Mit allen gefährlichen Verirrungen hat die 68er-Generation aber zur Entwicklung des demokratischen und liberalen Rechtsstaates beigetragen. Nicht zuletzt hat die Entstehung der Grünen bewiesen, dass die Bundesrepublik politisch lernfähig ist.

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