Messe : Warum die Popkomm kneift

Der Schuldige wurde schnell gefunden. Sein Name: Verbraucher. Mit der Absage der Musikmesse Popkomm wollen er ein Zeichen setzen, sagt deren Chef Dieter Gorny. Man kann nur sagen: Das ist ihm gelungen.

Christian Tretbar

Gut ist, dass schnell ein Schuldiger gefunden wurde. Sein Name: Verbraucher. Oder besser: Fan, Musikliebhaber, der Branche bester Kunde, eigentlich. Aber dem Bundesverband der Musikindustrie ist dieses Wesen immer noch suspekt. Vor allem dann, wenn es bockt und sein Portemonnaie nicht sperrangelweit aufmacht. Dass Dieter Gorny, Chef des Verbandes, die wichtigste deutsche Musikmesse, die Popkomm in Berlin, mit dem Verweis auf die Internetpiraterie abgesagt hat, ist schlicht ein Skandal.

Weil so viele Leute im Netz Musik klauen würden, könnten sich viele Unternehmen die Teilnahme an der Messe nicht mehr leisten. Ein Zeichen wolle er mit der Absage setzen. Und das ist ihm gelungen. Nur ist es eines, das einmal mehr zeigt, wie unbeweglich die Vertretung der Branche ist. Allein dass Gorny immer noch von einer „digitalen Krise“ spricht, die voll auf die Musikindustrie durchschlage, verdeutlicht, dass kein Umdenken stattgefunden hat. Es geht nicht um Krise, sondern um Herausforderung.

Auf einen legal im Netz gekauften Song, das stimmt, kommen zwanzig illegal heruntergeladene Lieder. Aber der Umsatz mit Download-Musik steigt, auch in Deutschland. Wer aber den Kunden permanent als Bedrohung einstuft, wird bald den letzten Musikhörer vergrault haben. Für Musik wird bezahlt: im Netz, im Laden und bei Konzerten. Viele legen keinen Wert auf illegalen Download – auch weil die Qualität zu schlecht ist. Nur wenn die Diskrepanz zu groß wird, fragt sich jeder, warum er für 15 Euro ein Album kaufen soll, das es auch umsonst gibt.

Angebote zu schaffen, die attraktiv, innovativ und eine echte Alternative sind – das sollte die Herausforderung für die Popkomm sein. Permanent von Verboten, Strafen und Einschränkungen zu reden, wird die Krise der Musikindustrie nur verschärfen. Frankreich zeigt, wie wenig Verbote bringen. Dort hat sich die Nationalversammlung im „Oliviennes-Gesetz“ für härtere Strafen bei der Internetpiraterie ausgesprochen. Sogar vom Abschalten des Internetzugangs war die Rede, doch das Gesetz wurde zum großen Teil vom Verfassungsgericht gekippt. Ja, das Netz ist ein wildes, manchmal ungehemmtes Medium. Aber es ist nicht nur Risiko, sondern auch Chance. Die muss man nutzen wollen.

Gorny beruft sich jetzt auf die Kleinen der Branche. Die würden unter den bösen Piraten leiden und deshalb nicht zur Messe kommen. Möglicherweise haben sie ihr Fernbleiben aber auch deshalb angekündigt, weil sie sich von ihrem Verband nicht mehr repräsentiert fühlen. Denn viele kleine Labels haben bereits innovative Geschäftsmodelle. Sie stellen sich der Krise. Im Gegensatz zu ihrem Verband.

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