Messerattacke : Ins Herz der Stadt

Auch ein schärferes Waffenrecht kann Zivilcourage nicht ersetzen.

Werner van Bebber

Zivilcourage kann tödlich sein – diese nicht neue Erkenntnis hat sich an einem Berliner Badesee bestätigt. Ein junger Mann hilft einem älteren, der sich mit pöbelnden Jugendlichen angelegt hat. Von denen zieht einer ein Messer und sticht zu. Ein 23-Jähriger: erstochen. Ein 17-Jähriger: als mutmaßlicher Mörder in Haft.

Es ist die explodierende Gewalt, die an dieser Badesee-Tragödie so sehr erschreckt. Wieder ist derjenige das Opfer, der in einem banalen Konflikt um Müll versucht hat, Restbestände von Ordnung durchzusetzen. Man lässt seinen Müll nicht einfach liegen. Man hilft jemanden, wenn der von einer Gruppe angegriffen wird (und diese Gruppe zu Recht kritisiert hat). Man mischt sich ein – und riskiert sein Leben. So schnell kann das gehen.

Und nun? Die Politiker beraten das Waffenrecht. Dessen Verschärfung ist angebracht. Vermutlich wird es so kommen, dass – je nach den Umständen – auch Küchenmesser als Waffen kategorisiert werden. Doch das ist ein Nebenkriegsschauplatz, um es martialisch auszudrücken, weil es um eine martialische Entwicklung geht. 25 Prozent mehr Messer – das ist die Tendenz in der Jugendgruppengewalt, die die Polizei im vergangenen Jahr festgestellt hat.

So etwas wie ein bürgerlicher Umgang mit dieser Situation kann sehr gefährlich werden. Weil das jeder spürt, der mal ein paar Stunden an einem Badesee zugebracht hat (oder, wenn es richtig voll ist, in einem Berliner Park), wächst die Unsicherheit. Gewiss, absolut gesehen ist das Risiko, einem Messerstecher gegenüberzustehen, eher klein. 2006 registrierte die Polizei in 766 Fällen von Jugendgruppengewalt Stichwaffen. Doch das Gefühl der Unsicherheit im öffentlichen Raum nimmt zu.

Deshalb tun sich Politiker schwer damit, die Zivilcourage hochzuhalten. Der Berliner Innensenator Ehrhart Körting sagte vor ein paar Monaten im Zusammenhang mit der Verwahrlosung der Stadt: Herumpöbelnden Tätern müssten Grenzen gesetzt werden. Er plädierte für mehr Zivilcourage – „aber man sollte sich damit nicht in ein unverhältnismäßiges Risiko bringen. Wenn ein Messer im Spiel ist, würde ich selbst die Sache lieber der Polizei überlassen.“

So richtig Körtings Bekenntnis zur Zivilcourage über alles Politikergerede hinaus ist – der mutige junge Mann am Badesee hatte offenbar gar keine Zeit mehr, die Risiken abzuwägen. Genauso war es im Dezember 2005 einem 18-jährigen Schüler gegangen, der sich im Bus die Pöbeleien einer Gruppe von Jugendlichen gegen seine Freundin verbat. Einer aus der Gruppe stach zu – mit einem Küchenmesser.

Sind das ganz einfach Lebensrisiken? Ein schärferes Waffenrecht gibt der Polizei mehr Möglichkeiten. Mehr Polizisten, mehr Kontrollen, härtere Strafen gegen Gewalttäter vermitteln im öffentlichen Raum das Gefühl von mehr Sicherheit. Courage und Mut sind trotzdem wichtiger denn je – gerade weil so viele den Eindruck haben, die „Öffentlichkeit“ werde mehr und mehr zum Spielfeld der Asozialen. Aber am Ende muss jeder selbst wissen, wann er sich einmischt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar