Meinung : Metall gewinnt, der Rest verliert

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Von Ursula Weidenfeld

Die IG Metall hat die Tarifrunde gewonnen. Sie hat gegen die Arbeitgeber gewonnen. Sie hat gegen die moderaten Kräfte im Gewerkschaftslager gewonnen. Sie hat gegen die Arbeitslosen gewonnen. Und sie hat gegen die Vernunft gewonnen.

Wer sich gestern Abend hingestellt hat und sagte, so schlimm sei das alles nicht, der hat aus der akuten Situation heraus vielleicht das Richtige gesagt. Diejenigen, die so argumentieren, haben sich von dem Gedanken leiten lassen, dass der Streik nun vorbei ist. Dass es nicht schlimmer gekommen ist. Dass die Branche in den nächsten Tagen zur Normalität zurück kehren kann und dass sie für die kommenden zwei Jahre Ruhe haben wird. Aus der Perspektive der Metallindustrie von gestern Abend, 20 Uhr, haben sie Recht. Der Kanzler hat so argumentiert.

Doch der Metallabschluss ist mehr. Er ist ein Signal für die anderen Branchen: Für die Krisenbranche Bau. Für die warnstreikenden Drucker. Und für die öffentlich Bediensteten, die im Oktober ihre Tarifrunde beginnen. Spätestens dann wird die nächste Bundesregierung den Tag verfluchen, an dem die Metaller die Vier vor das Komma gesetzt haben. Denn die anderen Gewerkschaften werden ihren Mitgliedern nun nicht mehr erklären können, dass die Chemiegewerkschaft mit ihren 3,4 Prozent doch den Pilotabschluss gemacht habe. Sie werden sich an der Vier messen müssen - und messen wollen.

Das wirft die moderaten Kräfte im gewerkschaftlichen Lager zurück. Mit dem Tarifvertrag hat die IG Metall ihren Führungsanspruch im Gewerkschaftslager wieder deutlich gemacht. Der gemäßigte IG Chemie-Chef Hubertus Schmoldt, der gehofft hatte, dass die anderen ihm – wie schon vor zwei Jahren – nach einem gemäßigten Abschluss schon folgen werden, hat sich diesmal verrechnet. Diesmal hat die IG Metall Schmoldt isoliert: Die IG BCE ist zwar auf Schmusekurs zur Bundesregierung geblieben. Doch die Bundesregierung hat Schmoldt im Stich gelassen, als nach den Warnstreiks bei den Metallern die Urabstimmung und nach der Urabstimmung der Streik kam. Und als die vier Prozent in Berlin auf einmal auch gesamtwirtschaftlich für erträglich gehalten wurden.

Der deutsche Gewerkschaftsbund wird in zwei Wochen einen neuen und deutlich radikaleren Chef auf den Posten von Dieter Schulte wählen. Die neue Dienstleistungsgewerkschaft Verdi geht auf Konfrontationskurs: Die Arbeitnehmer lassen das Bündnis für Arbeit Bündnis für Arbeit sein. Sie holen die rote Fahne wieder heraus.

In der IG Metall selbst hat die Linke in diesem Monat gezeigt, dass ohne sie immer noch nichts geht. Vizechef Jürgen Peters ist seinem Ambitionen, die Nachfolge von Klaus Zwickel anzutreten, ein gutes Stück näher gekommen. Der baden-württembergische Bezirkschef durfte zwar verhandeln – doch als der sich vor zwei Wochen bei 3,8 Prozent einigen wollte, war es Peters, der klar sagte, was die Metaller erwarten.

Und dann gibt es noch die Arbeitslosen. Der Metalltarifabschluss wird Stellen kosten: Bei einem Prozent Wachstum, bei einer Inflation von um die 1,5 Prozent und einem Produktivitätswachstum von 1,5 Prozent wären um die drei Prozent verkraftbar gewesen. Ein Prozent mehr heißt Arbeitsplatzabbau. Zwar nicht bei Mercedes oder BMW. Aber bei den Maschinenbauern, bei den Zulieferern, in Ostdeutschland, in der Telekom- und Kabelindustrie.

Der Abschluss von gestern – weh tun wird er nur den anderen. Deren Aussichten auf neue Jobs sind gestern Abend, 20 Uhr, noch ein bisschen schlechter geworden.

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