Microsoft und der NSA-Abhörskandal : Zurück zum Heimcomputer

Der Fall Microsoft macht deutlich, dass Europa in Sachen IT den Anschluss verloren hat - doch selbst ein deutscher Firmensitz wäre kein Garant für NSA-freie Datenleitungen.

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Ausgerechnet die als besonders sicher geltende Skype-Telefonie wurde von der NSA ausgespäht.
Ausgerechnet die als besonders sicher geltende Skype-Telefonie wurde von der NSA ausgespäht.Foto: dpa

Man könnte es als Ironie der IT-Geschichte bezeichnen, dass die als besonders sicher geltenden Videotelefonate via Skype für den US-Geheimdienst NSA wohl genauso leicht zu überwachen sind wie ein Gespräch in der U-Bahn. Während sich die Überwachungsstellen in China, Iran und überall sonst auf der Welt an der Verschlüsselungstechnik von Skype die Zähne ausbeißen, lobt die NSA die gute Zusammenarbeit des Skype-Eigentümers Microsoft mit dem US-Geheimdienst. Ein noch besserer Witz allerdings ist, dass die Firma einst von einem dänisch-schwedischen Unternehmen unter Führung von Niklas Zennström und Janus Friis gegründet worden war – zuvor hatten die beiden die Filesharing-Software Kazaa mitentwickelt, die mit ihrer anarchistischen Wirkungsweise der Musikwirtschaft das Leben noch schwerer gemacht hat als das legendäre Napster.

Der Blick zurück ist dabei mehr als eine Nerd-Geschichte. Nachdem immer mehr Details bekannt werden, wie weit die Tentakel der staatlichen Datenkrake bei Apple, Google, Facebook, Microsoft und anderen US-Firmen reichen, wird der Ruf nach Lösungen aus dem Datendilemma immer lauter. Ein europäisches Google müsse her, ein deutsches Microsoft solle für sichere Daten sorgen, heißt es.

Die Enthüllungen des Edward Snowden - eine Chronologie
Aktion "Ein Bett für Snowden": Aktivisten werben am 05.06. vor dem Kölner Dom für Asyl für den Whistleblower Edward Snowden in Deutschland.Weitere Bilder anzeigen
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Doch wo ist der deutsche Outlook-Ersatz? Mit welchem Betriebssystem „Made in Germany“ kann man Windows ersetzen? Welcher Cloud-Anbieter und SkyDrive-Konkurrent verfügt tatsächlich über einen sicheren Datenhafen in Kern-Europa? Tatsächlich sind Europa und insofern auch Deutschland in der Informationstechnik ins Hintertreffen geraten. Es mangelt zwar nicht an Start-ups, aber die großen Infrastrukturanbieter sitzen jenseits des Atlantiks. Die letzte große Alternative zum Office-Paket von Microsoft war ursprünglich von dem Deutschen Marco Börries programmiert worden, später wurde es von den US-Firmen Sun und Oracle weiterentwickelt. Viele Linux-Freunde erinnern sich noch, dass Suse vor der Übernahme durch ein US-Unternehmen eine rein deutsche Firma war. Oder daran, dass von Siemens-Nixdorf verlässliche Computer hergestellt wurden.

Es bedurfte enormen politischen Willens, bis Europa in der Luftfahrt durch Airbus eine Konkurrenz zu Boeing aufbauen konnte. Um die Abhängigkeit in der IT-Wirtschaft abzubauen, wird es jetzt ebenfalls mehr brauchen als ein abhörsicheres Kanzler-Telefon.

Zudem sollte niemand glauben, dass allein ein deutscher Firmensitz ein Garant für NSA-freie Datenleitungen ist. Ein Gerichtsstand oder der Aufstellungsort eines Servers stellen keine unüberwindbaren Hürden dar. Eine deutsche SAP oder die Telekom ist den gleichen Regeln unterworfen wie Microsoft oder Cisco, wenn sie in den USA Geschäfte machen wollen. Skype zeigt auch hier, wie weit der Arm der NSA reicht. Den Unterlagen von Snowden zufolge wurde Skype bereits elf Monate vor dem Kauf durch Microsoft in das Prism-Ausspähprogramm integriert.

Amerika nimmt für sich das Recht in Anspruch, sämtliche digitale Kommunikation zu überwachen, innerhalb und außerhalb der Landesgrenzen. Man darf gespannt sein, ob es der Bundesregierung gelingt, den US-Partnern die deutschen Interessen tatsächlich zu verdeutlichen.

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