Migranten : Deutschlands neue Eliten

Der Streit um Navid Kermani und den Hessischen Kulturpreis zeigt: Die intellektuelle Zukunft des Landes gehört den Migranten.

Andrea Dernbach

Seit einer guten Woche tobt der Streit um den Hessischen Kulturpreis durch die Feuilletons. Und es spricht nicht gegen die Feuilletons, dass er ausschließlich dort tobt. Die Politik hat die Wiesbadener Kabale bisher kaum entdeckt – dabei gehörte sie auch dort hin.

Was bisher geschah: Der Hessische Staatspreis für Kultur sollte in diesem Jahr für Verdienste um den Dialog der Religionen verliehen werden. Die Jury einigt sich auf vier Kandidaten: einen Katholiken, einen Protestanten, einen Juden und einen Muslim. Doch der Muslim Fuat Sezgin springt ab: Er wolle nicht zusammen mit Salomon Korn ausgezeichnet werden, der Israels Krieg in Gaza rechtfertige. Als Ersatz-Muslim wird der Kölner Publizist und Schriftsteller Navid Kermani nominiert, der erklärt, dass er bestenfalls ein Problem mit Hessens Ministerpräsident Roland Koch habe. Doch nun hat sein katholischer Ko-Preisträger – der evangelische Vertreter Peter Steinacker schließt sich an – ein Problem mit ihm: Der Mainzer Kardinal Lehmann hat einen Artikel der „Neuen Zürcher Zeitung“ gelesen, in dem Kermani erklärt, warum er die Kreuzesverehrung der Christen ablehnt, aber angesichts einer Kreuzigungsszene des Malers Guido Reni aus dem 17. Jahrhundert, die er in einer römischen Kirche entdeckte, ins Zweifeln geriet. Mit einem, der das Kreuz für gotteslästerlich erkläre, wolle er nicht auf einem Podium stehen, schreibt Lehmann an Hessens Staatskanzlei. Die lädt darauf Kermani aus.

Nur eine Posse aus der Länderkulturbürokratie? Man kann die Sache auch so sehen: Zwei künftige Staatspreisträger mit den sehr deutschen Namen Lehmann und Steinacker beißen einen dritten Kandidaten weg, der einen persischen Namen trägt. Der vierte, Salomon Korn, scheint gar nicht erst gefragt worden zu sein. Ahnen Lehmann und Steinacker, dass Kermani wohl zu denen gehört, die sie bald beerben werden?

Deutschland steckt mitten in einem Elitenwechsel. Und während noch längst nicht ausgemacht ist, ob die Krise und das Versagen erheblicher Teile unserer Wirtschaftselite überhaupt einen Austausch der Köpfe nach sich ziehen werden, viel weniger noch der Ideen, machen sich in der Kultur längst nicht nur neue Namen, sondern auch neue Themen und eine neue Sprache bemerkbar. Der Hamburger Fatih Akin ist einer der wichtigsten deutschen Filmregisseure und sammelt auch international angesehene Preise. Die Sprachwucht und -wut der Romane von Feridun Zaimoglu sind beispiellos in der aktuellen deutschen Literatur. In den Erzählungen von Emine Sevgi Özdamar verschränken sich idiomatisch Deutsches und Türkisches zu einem manchmal magischen neuen Deutsch. Und Navid Kermani ist einer der bedeutenden öffentlichen Denker in diesem Land.

Aber es geht um viel mehr als diese wenigen Namen, und Deutschland hat davon mehr zu gewinnen – so schön auch das ist – als ein paar internationale Filmpreise und Erfolgstitel auf den Buchmärkten der Welt. Schon jetzt machen „Menschen mit Migrationshintergrund“ ein knappes Fünftel der deutschen Wohnbevölkerung aus, in Städten wie Stuttgart und Frankfurt am Main schon mehr als 40 Prozent. Weniger bekannt und statistisch noch höchst unzureichend erfasst ist die Bildungsbeteiligung dieser neuen Deutschen. Um nur das Beispiel der großen türkischen Gemeinschaft zu nehmen: In den vergangenen 20 Jahren hat sich die Zahl türkischer Studierender an deutschen Universitäten mehr als verdoppelt. Forscher nehmen sogar an, dass sie sich in Wirklichkeit verdreifacht hat, weil für die offiziellen Zahlen immer noch der Pass entscheidend ist und eingebürgerte türkischstämmige Studenten damit aus der Statistik fallen. Hinter diesen Zahlen steht eine enorme soziale Dynamik, ein großer Aufstiegswille. Viel öfter als unter ethnisch Deutschen sind es unter den Türken nicht die Kinder von Eltern mit Abitur und Studium, die in die Hörsäle drängen, sondern die von Putzfrauen und Arbeitern: In Nordrhein-Westfalen hatte schon in den 90er Jahren die Hälfte der türkischen Studierenden Eltern, die lediglich die Grundschule besucht haben. Und während 14 Prozent der deutschen Unterschichtskinder erklären, sie wollten das Abitur machen, sind es bei den Migrantenkindern derselben Schicht fast doppelt so viele, 27 Prozent.

Diese Zahlen sind ebenso real wie die zu Schulversagen, Zwangsehen, Armut und den Sprachproblemen von Migranten, um die der herrschende Integrationsdiskurs seit Jahren kreist. Nicht zu Unrecht, aber allzu ausschließlich. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann die kritischen Fragen an die deutsche Realität nicht mehr nur von einer Handvoll Schriftsteller und Filmemacher mit persischen, türkischen, bulgarischen und russischen Namen gestellt werden, sondern von vielen gebildeten und gut ausgebildeten Bürgern – und Wählern –, die deren Migrationsgeschichte teilen. Ihre Fragen und die Antworten darauf werden das Land verändern. Und es ist auch klar, warum nur sie sie stellen können. Wer die Erfahrung von Fremdheit und oft genug auch von Ausgrenzung gemacht hat, für den ist „soziale Gerechtigkeit“ mehr als eine Leerformel auf Wahlplakaten. Und ob Macht und Chancen in seinem Land gerecht, wenigstens sachgerecht verteilt sind, das fragt sich ein Biodeutscher aus dem oberbayerischen Tutzing vermutlich seltener als Menschen, deren Hautfarbe ihnen auf der Wohnungssuche schadet und deren fremde Namen ihnen schon die Bewerbung verhageln.

Navid Kermani hat in eigener Sache soeben die Gretchenfrage gestellt, wie es dieses Land mit der Religion hält: Dass Ministerpräsident Koch ihn, Kermani, von der Preisträgerliste gestrichen habe, kaum dass der Brief des Kardinals eingegangen war, offenbare ein „problematisches Verhältnis von Staat und Kirche“, das zu einem säkularen Gesellschaftsmodell nicht passe. In der Tat: Die Trennung von Staat und Religion, die jeder Leitkulturschaffende vom Islam fordert, ist in vielen Ländern Westeuropas weder erreicht noch überhaupt gewollt, in England mit seiner anglikanischen Staatskirche nicht, in den konfessionell „versäulten“ Niederlanden nicht, in Italien schon gar nicht, das seit jeher von einer gewählten Regierung regiert wird und von einer anderen „oltretevere“, jenseits des Tibers im Vatikan. Aber auch nicht in Deutschland, wo der Fiskus für die Kirchen Steuern eintreibt, wo Bischöfe und der Papst über die Besetzung von Professuren entscheiden, die der Staat bezahlt, und wo die Arbeitnehmerrechte des Kirchenpersonals deutlich eingeschränkt sind.

Man mag das alles gutheißen. Aber es gehört in einer demokratischen Gesellschaft diskutiert. Paul Scheffer, der niederländische Autor, der der multiethnischen Zukunft eher zaudernd-schaudernd entgegensieht, über die Reise durch seine sich wandelnde Heimat aber ein anregendes Buch („Die Eingewanderten. Toleranz in einer grenzenlosen Welt“) geschrieben hat, meint: „Die Eingesessenen dürfen von den Neuankömmlingen nur das verlangen, was zu leisten sie selbst bereit sind.“ Recht hat er, und die Rolle von Religion und Staat in Europa ist da nicht einmal das wichtigste Thema. Es ist nur das Gebiet, auf dem Europas doppelte Standards besonders augenfällig werden. Nach einer ehrlichen Debatte über diese doppelten Standards könnten die Bewohner des Glashauses nicht mehr so gedankenlos Steine werfen, mal Richtung Islam, mal gegen arabische Frauenunterdrücker oder türkische Schwulenhasser. Damit wäre für eine künftige politische Kultur des alten Kontinents viel gewonnen. Denn die ist schon und wird mehr und mehr eine multikulturelle sein. Zwangsläufig und ganz egal, ob man das nun fürchtet oder begrüßt.

Auch der Fall Kermani ist ein Lehrstück über Gleichheit: Es lohnt sich, die wenigen Fetzen aufmerksam zu lesen, die von Kardinal Lehmanns Brief an die hessische Staatskanzlei bekannt wurden – Absender und Adressatin hüllen sich in dichtes Bußschweigen und haben ihn bis heute nicht öffentlich gemacht. Sie machen nämlich nur allzu offensichtlich, dass die Kritik am Kreuz, die Kermanis Artikel formuliert, nicht der springende Punkt ist. Das wäre auch kurios, schließlich ist das Ringen mit der Kreuzestheologie so alt wie 2000 Jahre Christentum, die islamische Kritik daran nur gut 600 Jahre jünger, und selbst unser Nationalheros Goethe hat – die „Süddeutsche Zeitung“ erinnerte dieser Tage daran – gegen die Ästhetisierung der Qual und die erotisch aufgeladenen Kreuzigungsszenen in römischen Barockkirchen härter formuliert als Kermani. Nein, dem Kardinal gehen die Gäule auf einer ganz anderen Strecke durch: „Er ist zweifellos intellektuell begabt und recht gebildet, in der Zwischenzeit auch habilitiert“, schreibt Lehmann über Kermani, er habe viel veröffentlicht und sei oft ausgezeichnet worden. Dem noch jungen Kermani, erst 41 Jahre alt, sei es offenbar gelungen, sich inmitten einer geringen Zahl öffentlich auftretender und kulturell profilierter Muslime in Szene zu setzen.

Tut man, was Kardinal Lehmann viele Jahre lang immer wieder empfohlen hat, wenn es um heikle Sendschreiben aus Rom ging, liest man also genau, dann steht Kermani in Lehmanns Brief als ein Blender da, der „begabt“ ist – in der Sprache des Arbeitszeugnisses heißt das „bringt’s aber nicht oder noch nicht“ – und „recht gebildet“ – im Klartext: „nicht richtig gebildet“ – und der nur deshalb Erfolg haben konnte, weil die Einäugigen unter den Blinden bekanntlich Könige werden. Weil Lehmann sich weigert, einen brillanten Kopf, der die angesehensten Adressen des deutschen Wissenschafts- und Kulturbetriebs im Lebenslauf hat, einfach nur als brillanten Kopf zu sehen, greift er zu einem Trick: Er reduziert Kermani auf seine Religion, um ihn dann in ein anderes Referenzsystem wegzusperren: Unter den Muslimen magst du etwas taugen, bei denen ist schließlich auch nicht viel los. Aber auf dasselbe Podium wie ich gehört einer wie du nicht.

Es ist verständlich, dass Kermani über den Brief erschrocken ist; er nennt ihn diffamierend und aggressiv. Vielleicht ist er, Sohn iranischer Migranten, desto mehr erschrocken, weil gerade viele Iraner dieser Generation als politische Flüchtlinge kamen und an die Freiheit und Gleichheit wirklich glaubten, die Europa versprach. Aber wir sollten alle erschrecken über das, worauf die Wiesbadener Posse wieder starkes Licht lenkt: Zeitungen, in deren Redaktionen nicht eine Migrantin einen Redakteursvertrag hat, Dax-Unternehmen ohne einen einzigen Nichtweißen im Vorstand, Theater, in denen – die Berliner Intendantin Shermin Langhoff erwähnte es kürzlich – Migranten bestenfalls Einsprengsel sind, die den Originalitätsfaktor verbessern. Oder aber eine Landesregierung, die sofort einknickt, wenn ein Kardinal mit dem Zaunpfahl auch nur winkt. Das alles sind Welten, die mit der Welt überhaupt nichts zu tun haben, der man auf Deutschlands Straßen, in den Schulen, Arztpraxen und im Supermarkt begegnet. Es sind alles Parallelgesellschaften, die glauben, sich gegen die deutsche Wirklichkeit des Jahres 2009 abschließen zu können. Das wird nicht mehr lange funktionieren. Die Häuptlinge dieser unentdeckten Parallelgesellschaften werden es bestenfalls schaffen, sich noch eine Zeit lang von innen gegen die Tür zu stemmen. Ob sie da gut beraten sind, müssen sie sich selbst fragen.

Für die, die diese Zeit noch brauchen, hält die Affäre Kermani übrigens sogar etwas Trost bereit. Irgendwie ging es in dieser Angelegenheit dann doch noch einmal zu wie im späten 19. Jahrhundert: Der Auslober, die vier Preisträgerkandidaten, die Journalisten, die darüber schrieben: alles Männer. Manchen mag’s trösten: Noch gibt es Winkel in dieser Gesellschaft, da ist die Welt noch in Ordnung. Jedenfalls noch und noch ein bisschen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben