Migranten : Warum klingt "Integration" so, als sei "Problem" gemeint?

Inzwischen leben mehr als 16 Millionen Menschen in diesem Land, die nicht seit Generationen Deutsche sind. Im europäischen Vergleich klappt deren Integration bei uns ganz gut.

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Deutsche Idylle. Eine Migrantenfamilie füttert Schwäne.
Deutsche Idylle. Eine Migrantenfamilie füttert Schwäne.Foto: ddp

Spaichingen ist – dies für Berlins Nichtschwaben – eine Kleinstadt auf der Schwäbischen Alb. In einem baden-württembergischen Städtchen mit gut 12 000 Einwohnern fällt eine Moschee naturgemäß stärker auf als im säkularen Berlin, respektive in Kreuzberg. Als Spaichingen vor ein paar Jahren eine Moschee bekam, war aber sogar der CDU-Fraktionschef im Stadtrat erleichtert: Scharfmacher habe es nicht gegeben. Über Architektur und Parkplätze hatte man sich geeinigt, noch bevor die Zündstoff liefern konnten.

Es geht also. Übrigens auch in größeren Städten. Es muss ja auch. Wie aus dem am Mittwoch veröffentlichten Mikrozensus des Statistischen Bundesamts hervorgeht, leben inzwischen mehr als 16 Millionen Menschen in diesem Land, die nicht seit Generationen Deutsche sind. Migranten machen inzwischen kaum weniger als ein Fünftel der deutschen Wohnbevölkerung aus. Da ist es gut zu wissen, dass das Zusammenleben – warum nur klingt „Integration“ immer schon so, als sei „Problem“ gemeint? – im Alltag meist ähnlich geräuschlos funktioniert, wie die Zahl der zu Integrierenden wächst.

Anderswo greift das aufgeklärte Europa zu kindlicher Magie, die Schweiz verbietet Minarette, die Franzosen und Belgier ganzkörperverhüllte Frauen. Und bei uns: keine brennenden Vorstädte, dafür ab und zu Glaubenskriege um die angeblich tiefverwurzelte Neigung von Migranten zur Gewalt und Sarrazins Knallchargieren über die ökonomische Verwertbarkeit von Arabern. Unsere Probleme möchten wir haben.

Einerseits. Andererseits haben wir, neben dem glücklicherweise recht gut funktionierenden Alltag, noch ein paar Baustellen. Sie stehen allerdings oft nicht an der Basis, da wo deutsche und migrantische Kinder im Sandkasten miteinander spielen oder sich katholische Gemeinderäte und muslimische Gläubige zu Weihnachten und am Opferfest besuchen. Das falsche Wort vom „clash of civilizations“ ist eben nicht im Kiez erfunden worden, sondern von einem Hochschulprofessor, die Kopftuchgesetze, die muslimische Lehrerinnen in eine neue Kleiderordnung zwingen, statt auf ihre pädagogische Qualität zu sehen, waren eben keine Antwort auf Volkes laute Stimme, sondern bestenfalls der populistische Versuch, ihm aufs Maul zu schauen. Die verzweifelte Suche nach Identität, Sicherheit, das Abgrenzungsbedürfnis gegen angeblich Fremdes scheint, nicht nur in Deutschland, eher ein Elitenprojekt zu sein als das des kleinen Mannes und der kleinen Frau auf der Straße.

„Wer ist wir?“ ist der Titel eines überaus anregenden Buches von Navid Kermani. Wer er selbst ist, beantwortet er gelegentlich ebenso plausibel wie produktiv irritierend: Kölner, Schriftsteller, Mann, Vater, Ehemann. Auch Sohn iranischer Eltern, Muslim. Aber eben unter anderem. Auch ein Polizist aus Schöneberg käme leicht auf so viele „Ichs“. Oder die Frau, die hinter der Spaichinger Moschee eine Zoohandlung führt. Vielleicht gut, dass sie nicht ständig danach suchen. Aber genau davon lässt sich lernen.

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