Meinung : „Millionen Menschen …

Thomas Roser

… erwarten von mir, dass ich antrete.“

Mit einer für ihn ungewöhnlichen Kehrtwende ist Polens sonst so prinzipienfester Parlamentsvorsitzender nun doch noch in den Wahlkampfring geklettert. In dieser Woche kündigte Wlodzimierz Cimoszewicz seinen Rücktritt vom „endgültigen“ Rückzug aus der Politik und den Start bei den Präsidentschaftswahlen im Herbst an. Den Wortbruch scheinen seine Landsleute dem 55-Jährigen kaum zu verübeln. Obwohl Polens Linke nach einer Kette von Skandalen daniederliegt, führt der Sozialdemokrat in den Umfragen mit großem Abstand das Kandidatenfeld an.

Ein Einzelgänger und Mann der einsamen Entscheidungen war der Jurist immer. Als Student hatte er sich zwar in der sozialistischen Arbeitspartei engagiert. Doch obwohl dem Fulbright-Stipendiaten nach seinem Studienaufenthalt in den USA Anfang der 80er-Jahre im Kriegsrecht-Polen alle Karrieretüren offen standen, entschied sich der Warschauer 1985 für die Flucht aufs Land und widmete sich der Schweinezucht. Als Parteiloser trat der Landwirt aus Leidenschaft nach der Wende für die zur sozialdemokratischen SLD gewandelten Postkommunisten bei den Präsidentschaftswahlen 1990 gegen das Solidarnosc-Idol Lech Walesa an. Eine gewisse Distanz zur SLD, der er erst 1999 beitrat, bewahrte der Mann mit dem Seitenscheitel selbst während seines Intermezzos als Premier (1996-97).

Der nun aus dem Amt scheidende Präsident Aleksander Kwasniewski war es, der den Hobbyjäger vor vier Jahren als Außenminister in das Kabinett seines Widersachers Leszek Miller holte. Anfang dieses Jahres überredete Kwasniewski ihn schließlich, den verwaisten Posten des Sejm-Marschalls zu übernehmen. Doch in dem von populistischen Krakeelern dominierten Parlament schien der integere, stets etwas hölzern wirkende Cimoszewicz endgültig die Lust am Beruf zu verlieren: „Angewidert“ kündigte er im Mai den Abschied vom Politparkett an.

Damit sprach er den meisten seiner politikverdrossenen Landsleute aus der Seele. Weniger die Überredungskünste von Kwasniewski, sondern seine seit dem vermeintlichen Rückzug gestiegenen Popularitätswerte dürften Cimoszewicz dazu bewogen haben, nun doch noch in den Wahlkampf einzusteigen: In Umfragen würdigen ihn die Polen als den sympathischsten und aufrechtesten Kandidaten, der das Land am besten vertreten könne.

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