Meinung : Milosevic-Prozess: Globalisierung der Gerechtigkeit

Vom Sport sagen die Briten gern, er sei ein "Drama ohne Script". Die Regeln sind zwar klar, aber wie ein Match verläuft und ausgeht, muss sich jedesmal neu zeigen. Ähnliches gilt für Gerichtsprozesse. Am Rahmen ist nicht zu rütteln - Spielraum ist dennoch da.

Wenn einer das erkannt hat, dann der Angeklagte Slobodan Milosevic, der sich von heute an im Prozess vor dem UN-Tribunal für Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien verantworten muss. Wo es ein Drama dieser Größenordnung gibt, wird er die Hauptrolle spielen, das steht für ihn fest. Medien und Öffentlichkeit kommen ihm bis zu einem gewissen Grad entgegen: Die Personalisierung dieses historischen Prozesses, wie er immer wieder genannt wird, das Bündeln der dramatischen Effekte im Duell Milosevic gegen die Chefanklägerin Carla del Ponte liefert uns Geschichten, wie wir alle sie verstehen und vermitteln können.

Doch da genau liegt eine Gefahr für die Wahrnehmung des Dramas. Die Hauptrolle in Den Haag, der "Welthauptstadt des Rechts", sollte das Recht spielen. 66 mutmaßliche Täter sind bisher vor den Richtern erschienen, 44 warten auf ihren Prozess. Milosevic ist zwar auf Grund seiner Funktion und Verantwortung ein herausragender Fall, aber zugleich einer unter vielen. Kein Staatschef und General kann Tausende ohne hochrangige Mittäter und willige Helfer ermorden.

Das Gericht soll Licht in die komplexen Zusammenhänge der Völkermorde und Brüderkriege bringen, indem es schuldige Individuen überführt und verurteilt - auch um den Opfern Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Etwa 500 Zeugen im Jahr werden in Den Haag gehört. Viele von ihnen sind Überlebende von Gräueltaten, Lagerhaft, Folter, Vergewaltigung und Vertreibung. 250 000 Tote forderten die Jugoslawien-Konflikte, etwa 8000 Männer und Jungen starben allein beim Massaker von Srebrenica im Juli 1995.

Die UN-Tribunale zu Jugoslawien und Ruanda haben den Sprung vorwärts geschafft, auf den Befürworter eines modernen Völkerstrafrechts seit den Tribunalen von Nürnberg und Tokio gehofft haben. Vor dem Recht sind alle gleich, das demonstrieren internationale Gerichtshöfe, an denen keine Immunität des Amtes mehr gilt: Straftat ist Straftat, Mord ist Mord.

Gesetz heißt auf griechisch "nomos", das eigene Gesetz "Autonomie". Slobodan Milosevic spielte bisher in der Phase der Prozessvorbereitung den "Autonomen", der das Verfahren als wertlos und verkehrt betrachtet, den Stil fortsetzend, mit dem er sein Land ins Chaos lenkte. Was er als Autonomie "vorführt" und was seine letzten Anhänger beeindruckt, ist in Wahrheit von jeher Gesetzlosigkeit gewesen: Anomie. Wenn wir als Öffentlichkeit dieser Anomie nicht auf den Leim gehen wollen, sollten wir uns in den kommenden Monaten und Jahren dieses Prozesses zunehmend für Rahmen und Inhalt des sensationellen Quantensprungs in der Rechtsgeschichte interessieren, den er darstellt.

Im Augenblick ist die Inszenierung zu spannend, um auf die Faszination durch die Hauptdarsteller zu verzichten. Aber in der Entwicklung des Rechts geschehen noch weitere spannende Dinge. Mit der in Kürze bevorstehenden Ratifizierung des römischen Statuts zum internationalen Strafgerichtshof bricht eine neue Epoche an - so mühsam die ersten Schritte auch sein mögen.

Wenn die Welt Glück hat, läutet das 21. Jahrhundert eine Epoche wachsender globaler Gerechtigkeit ein. Irgendwann steht dann der Fall Milosevic nicht mehr als ein Fall unter vielen in Jugoslawien da, sondern als einer unter vielen weltweit. Dann rückt seine Inszenierung an ihren Platz.

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