Meinung : Milzbrand-Alarm: Mittel gegen die Angst

Wer auch immer die Milzbrand-Anschläge in den USA verübt hat, eines haben die Täter schon jetzt ausgelöst: eine Epidemie der Angst. Das allgegenwärtige Gefühl der terroristischen Bedrohung und ein paar Briefumschläge mit tödlichem Pulver reichen, um in diesen Tagen die westliche Welt an den Rand einer Panikattacke zu bringen.

Den Schreckensphantasien sind keine Grenzen gesetzt. Die Furcht flutet die Kanäle des Denkens. Was wäre, wenn Selbstmordattentäter, mit dem Pestbakterium infiziert, den Erreger in den Großstädten ausstreuten? Wenn Gifte ins Trinkwasser kämen, wenn gar das tödliche Ebola-Virus aus der Giftküche der Tropen bei uns verbreitet würde?

Es gehört zur psychologischen Kriegsführung, den Gegner zu verunsichern und ihm Schrecken einzujagen. Das ist den Terroristen nur zu gut gelungen. Obwohl noch nicht einmal geklärt ist, ob die Milzbrand-Anschläge wirklich auf ihr Konto gehen, oder ob es nicht ganz andere Täter waren. Allein die Vorstellung, sie könnten es gewesen sein, genügt. Und das trotz der Tatsache, dass der Bioterror bisher "nur" ein Menschenleben forderte, der Anschlag auf das World Trade Center dagegen 6000. Unsichtbare Terroristen, die unsichtbare Mikroben unter die Leute bringen - die diffuse Allgegenwart der Bedrohung ist einfach überwältigend.

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Stichwort: Milzbrand
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Trittbrettfahrer II: Konjunktur verdächtiger Briefe Auch wenn es schwerfällt: Wir dürfen den Tätern nicht auf den Leim gehen. Wir dürfen uns nicht bange machen lassen. Hysterie hilft nicht weiter, ebensowenig wie Abwiegeln. Wir müssen einen kühlen Kopf bewahren. Denn irgendwann wird vermutlich auch bei uns Milzbrand mehr als ein Phantom der Angst sein, sondern eine reale Bedrohung. Dann gilt es, gewappnet zu sein.

Die Gefahr existiert. Aber wir sind nicht wehrlos. Gegen den Milzbrand, sofern er rechtzeitig erkannt wird, gibt es wirksame Medikamente. Ähnliches gilt für die Pest. Die Gefahr durch eine Pocken-Epidemie ließe sich mit einer Impfung bannen. Sich rasch ausbreitende Keime können durch Isolation der Infizierten gebremst werden. Es gibt also Maßnahmen, mit denen wir den Keimen begegnen können. Und man darf nicht vergessen, dass das Herstellen und Verbreiten von Krankheitserregern keine Kleinigkeit sind, sondern technisch anspruchsvoll. Das ist auch der Grund, warum manche Experten das Risiko zwar nicht abstreiten, aber "herkömmliche" Terroranschläge für nach wie vor wahrscheinlicher halten.

Die Rückkehr des Staates - sie ist beim Schutz vor Bioterrorismus geboten. Denn die Möglichkeiten des Einzelnen, sich vor Bioattacken zu schützen, sind begrenzt. Lange Zeit wurde die Gefahr durch B-Waffen ignoriert. Damit muss es jetzt vorbei sein. In internationaler Zusammenarbeit sollte ermittelt werden, wo überall Krankheitskeime für den Terror gezüchtet werden. Zu den Gegenmaßnahmen gehören die Ausbildung und Ausrüstung des Katastrophenschutzes und des medizinischen Personals, dazu das Anlegen von Antibiotika- und Impfstoff-Reserven für den Ernstfall.

Auch die Wissenschaft ist gefragt. Die Forschung an Krankheitserregern sollte intensiviert werden. Wenn sich Terroristen in unterirdischen Geheimlabors der Gentechnik bedienen, um Erreger "scharf zu machen", so müssen wir eben die besseren Gentechniker beschäftigen. Erst kürzlich gelang es Forschern der Harvard-Universität im Tierversuch, ein Mittel gegen das Milzbrand-Gift zu finden. Es verhindert, dass das Gift in lebenswichtige Blutzellen eindringen kann. Vielleicht kommt es irgendwann zu einem Wettlauf der biotechnischen Waffensysteme - auf das entschärfende Mittel hin wird ein noch wirksameres von den Terroristen entworfen.

Für den Kampf gegen den Bioterror gilt das gleiche wie für den Krieg gegen den "normalen" Terror. Er wird lange dauern, und er wird viel Geld kosten. Es gehört zu den schwierigen Abwägungsfragen, welche Vorsorgemaßnahmen der Staat einleiten soll und welche er aus finanziellen Gründen unterlassen darf, weil sie ein eher unwahrscheinliches Risiko mit unverhältnismäßig hohen Mitteln bekämpfen. Es gibt keine Möglichkeit, sich völlig gegen die Bio-Gefahr zu immunisieren. Aber ein gut organisierter und rasch handlungsfähiger Seuchenschutz muss etabliert werden.

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