Meinung : Milzbrand: Ohne Gegenwehr

Alexander S. Kekulé

Unter Fachleuten hat sich der Verdacht längst zur bedrückenden Gewissheit verdichtet: Die am Freitag bekannt gewordenen Milzbrand-Fälle in einem US-Verlagsgebäude sind kein Zufall, sondern wahrscheinlich Ergebnis eines gezielten biologischen Anschlags. Die Gegenthese, dass in einem Verlagshaus zufällig zwei Mitarbeiter zugleich mit Milzbrand infiziert wurden - ein dritter Verdachtsfall wird noch untersucht - ist wissenschaftlich nicht haltbar.

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Umfrage: Befürchten Sie eine Eskalation der Gewalt? Das Milzbrand-Bakterium (Bacillus anthracis) ist in Florida kaum verbreitet. Wo der Erreger häufiger vorkommt, wie im Westen der USA, befällt er nur sehr selten die Lunge: Im letzten Jahrhundert wurden in den USA 18 Fälle von Lungenmilzbrand gemeldet, fast alle durch beruflichen Kontakt mit infizierten Tierprodukten wie Wollstaub oder Knochenmehl. Weder der an Lungenmilzbrand gestorbene Fotoredakteur noch der erkrankte Mitarbeiter der Poststelle passen in diese Kategorie. Am schwersten wiegt schließlich die Tatsache, dass auf der Computer-Tastatur des Verstorbenen Anthrax-Sporen gefunden wurden: Da erkrankte Menschen keine Sporen ausscheiden, müssen sie von Außen zugeführt worden sein. Wenn das FBI nicht doch noch einen Tierkadaver in der Klimaanlage findet, bleibt nur eine Erklärung: Das Gespenst eines Bio-Anschlages ist Realität geworden.

Der Florida-Fall ist einerseits beunruhigend: Erstmals ist ein Anschlag mit Milzbrandsporen gelungen - die Aum Shinrikyo Sekte hatte dies Anfang der 90er Jahre mindestens viermal erfolglos versucht. Andererseits bestätigt sich zugleich die Vorhersage, dass Terrorattacken mit Biowaffen wenig effizient sind - wenn sie rechtzeitig erkannt werden: Da das zweite Opfer frühzeitig diagnostiziert und therapiert wurde, brach der Milzbrand bei ihm gar nicht erst aus. Obwohl die Erreger offenbar in den Büroräumen verteilt waren, scheinen sich nur zwei bis drei der über 500 Mitarbeiter und Besucher infiziert zu haben, der Rest ist mit dem Schrecken davon gekommen. Eine Handgranate hätte größeren Schaden angerichtet.

Kein Grund zur Panik also - wohl aber zur besonnenen Vorbereitung für den Ernstfall. Solange Terroristen keinen Zugang zu gentechnisch veränderten Biowaffen der neuesten Generation haben, besteht ihr potenzielles Arsenal aus den altbekannten Veteranen der beiden Weltkriege, von Milzbrand über Hasenpest bis Pocken. Aber auch dann kann es Hunderte Tote geben, wenn die Gegenwehr nicht funktioniert.

Deutschland ist auf die Abwehr biologischer Gefahren höchst unzureichend vorbereitet. Der Katastrophenschutz der Länder arbeitet größtenteils mit freiwilligen Laien und veraltetem Gerät, so manches K-Einsatzfahrzeug könnte glatt mit Oldtimer-Kennzeichen zugelassen werden. Im Ernstfall wäre zusätzlich der öffentliche Gesundheitsdienst zuständig. Wie dieser mit Krankenhäusern, Rettungsdiensten, Feuerwehr und einem halben Dutzend weiterer Hilfsorganisationen koordiniert werden soll, weiß jedoch niemand. Abgestimmte Alarmpläne und standardisierte Schutzausrüstung fehlen ebenso wie Impfvorschriften für die Helfer und Medikamentenlager für die Opfer.

Die gefährlichste Lücke klafft jedoch im Bereich der mikrobiologischen Diagnostik: Da Speziallabore für die Untersuchung von Bio-Kampfstoffen fehlen, geht im Ernstfall wertvolle Zeit verloren, bis ein Bio-Anschlag überhaupt als solcher erkannt wird. Unterdessen breitet sich der Erreger aus, die Kranken werden nicht rechtzeitig behandelt. Die bei weitem wirksamste Waffe der Bio-Terroristen ist der Mangel an Gegenwehr.

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