Missbrauch in der DDR : Unteilbares Leid

Auch wenn das Thema KindesmIssbrauch in der DDR die Deutschen wieder einmal polarisieren wird: Es gehört auf den Tisch - und erst recht auf den Runden Tisch.

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Dass es nicht nur im Westen, sondern auch in der DDR zu Missbrauch an Kindern und Jugendlichen gekommen ist, mag zunächst kein überraschender Befund sein. Warum sollte es nicht hier wie dort Perversität, menschliche Verfehlungen, Päderastie und verirrtes Autoritätsverständnis gegeben haben? Und hat man dem diktatorischen System mit seinem Drill und seinem Zwang zur Konformität nicht überhaupt alles Schlimme zugetraut? Das sagen die einen. Die anderen werden dem üblichen Verklärer-Reflex folgen: Es durfte wohl nicht sein, dass nur im Westen missbraucht wurde, jetzt zerrt man auch die DDR und ihr fürsorgliches System der Kinderbetreuung mit in den Dreck.

Auch wenn das Thema wieder einmal polarisiert: Es gehört auf den Tisch. Und erst recht auf den Runden Tisch. Da wird man dann zwar feststellen, dass die hinter dem Missbrauch steckenden gesellschaftlichen Umstände sehr unterschiedliche waren: Hier eine freiheitliche Gesellschaft, in der alternative Schul- und Erziehungsmodelle auch das Kindsein überfordern konnten; in der die Strukturen des Zölibats Risiken bargen und bergen. Dort eine durchherrschte Gesellschaft, die das Individuum, erst recht das Kind, ganz in den Dienst des Staates und der Ideologie zu stellen versuchte; die mit harter Hand gegen Abweichler vorging und in der Abhängigkeitsverhältnisse in aller Regel individuelle Rechte überlagerten.

Den Opfern des Missbrauchs sind solche akademischen Debatten egal. Ihr Leid ist nicht teilbar. Sie wollen keine Rache, oft noch nicht einmal juristische Aufarbeitung, für die es ohnehin in den meisten Fällen zu spät ist. Sie wollen sich befreien: Von der Macht der grausamen Erinnerung, von dem Schmutz, der auf ihrer Seele lastet, von dem Druck des Unausgesprochenen. Erst jetzt scheint die Zeit dafür reif zu sein, weil ein Bann gebrochen ist. Das Gefühl, nicht allein zu sein, das unselige Schicksal mit vielen anderen zu teilen, gibt ihnen eben erst heute den Mut und die Kraft, sich zu öffnen. Deshalb sollte alles, was an Aufarbeitung möglich ist, getan werden. Ohne westöstliche Befangenheiten. Die Opfer haben ein Recht darauf.

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