Meinung : Mission beendet? Im Gegenteil

Die Wahl ist vorbei, doch ein baldiger Abzug der Eufor-Truppe aus dem Kongo wäre falsch

Wolfgang Drechsler

Zum ersten Mal seit seiner Unabhängigkeit vor über 40 Jahren hat im Kongo eine demokratische Wahl stattgefunden – eine der wichtigsten in Afrika seit langem. Mit der Bekanntgabe des Resultats und der Ernennung von Joseph Kabila zum neuen Staatschef ist Afrikas drittgrößter Staat in die heikelste Phase seines Übergangsprozesses getreten. Nun wird sich erweisen, ob Kabilas Erzrivale Jean Pierre Bemba gewaltsam gegen die verlorene Wahl opponiert – oder das Ergebnis womöglich doch akzeptiert.

Damit wird es auch für die europäische Eingreiftruppe (Eufor) zunehmend gefährlich. Denn was will sie machen, wenn Bemba abertausende Anhänger in seiner Hochburg Kinshasa mobilisiert, um sich den Wahlsieg auf offener Straße zu holen. Vernünftigerweise hätten sowohl seine Leibgarde als auch Kabilas Privatarmee im Vorfeld der Stichwahl entwaffnet und beide Kandidaten unter den neutralen Schutz der internationalen Streitkräfte gestellt werden sollen. Doch dies ist versäumt worden.

Eine Zurückweisung des Resultats könnte vor allem in der Hauptstadt verheerende Folgen haben. Zwar sind hier einige tausend Soldaten der UN-Friedenstruppe Monuc sowie ein Gutteil der Eufor stationiert. Doch kann niemand mit Gewissheit sagen, ob diese Truppenstärke ausreicht, wenn es zum Ausbruch größerer Unruhen kommt. Womöglich waren die Kämpfe nach dem ersten Wahlgang im August nur ein Vorgeschmack auf das, was Kinshasa nun blüht. In Angola kehrte der damalige Rebellenchef Jonas Savimibi nach einer verlorenen Wahl im Jahre 1992 verbittert in den Busch zurück – und legte das südwestafrikanische Ölland bis zu seinem Tod zehn Jahre später in Schutt und Asche.

Unruhen in größerem Umfang sind in der Demokratischen Republik Kongo schon deshalb vorstellbar, weil es Zweifel an der Gültigkeit einer großen Anzahl von Stimmzetteln gibt, vor allem jener, die außerhalb des dafür vorgesehenen Wahllokals abgegeben wurden. Immer lauter werden die Stimmen im Bemba-Lager, die behaupten, dem einstigen Rebellenchef sei der Sieg gestohlen worden. Ob es nach der Wahl von Kabila einen neuen Kongo gibt, darf nicht nur wegen des schwachen politischen Personals bezweifelt werden. Hinzu kommt, dass die kongolesische Bevölkerung ebenso hohe wie unrealistische Erwartungen hegt. Dass sich der Lebensstandard in dem total heruntergewirtschafteten Land schnell verbessert, ist indes ebenso unwahrscheinlich wie ein rasches Ende der Korruption, die die gesamte Gesellschaft durchdringt.

Gebannt ist die Gefahr gewalttätiger Unruhen längst nicht. Dennoch scheint die EU fest entschlossen, ihre zur Wahlüberwachung eingesetzten Truppen in zwei Wochen mit dem Ende des offiziellen Mandats abzuziehen. Wie immer man auch zu dem Einsatz im Kongo stehen mag: Ein solch überstürzter Rückzug ist angesichts der labilen Lage aus Sorge um die eigenen Soldaten zwar verständlich, aber nicht zu verantworten. Schließlich ist am 30. November noch nicht einmal die neue Regierung im Amt. Die Wahlen selbst waren bestenfalls ein erster zaghafter Schritt in Richtung Frieden. Nun drohen überspannte Erwartungen aber auch Ungeduld, Enttäuschung, Wut und Misstrauen das dünne Fundament zu untergraben. Auf den Kongo kommen gefährliche Zeiten zu.

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