Meinung : Mister Thatcher

Blair will Bush international einbinden – doch dabei muss Europa helfen

Matthias Thibaut

Es ist einsam geworden um Tony Blair. Wir sehen die Ringe unter seinen Augen. Wir hören die gereizten Kommentare der Weggenossen, die seiner Politik nur widerwillig folgen. Wir sahen das Millionenheer der Demonstranten und die Ergebnisse der Meinungsumfragen. Nie war er so unpopulär.

Doch in seiner Einsamkeit ist Blair von einem stählernen Gürtel der Überzeugung, einer klaren Strategie und einer politischen Vision bestärkt. Er ist sich der Sache sicher, für die er sein Amt und das Leben britischer Soldaten aufs Spiel setzen würde. Das ist „der Preis meiner Überzeugungen“, sagt der britische Premier, der jahrelang nur der öffentlichen Meinung und den Ergebnissen von Umfragen zu folgen schien. Heute will er in Rom sogar das Unmögliche versuchen und den Papst überzeugen. Ein guter Moment, sich noch einmal die Eckpfeiler dieser Vision vor Augen zu führen.

Die Kerngedanken finden sich in Blairs Rede auf dem Labour-Parteitag 2001 in Brighton. Drei Wochen nach dem Septemberanschlag war man gerade dabei, die Afghanistankoalition zu schmieden und Gerhard Schröder saß noch mit im Boot. „Was immer die Gefahren des Handelns sein mögen, die Gefahren des Nichtstuns sind viel, viel größer“, sagte Blair.

Dutzende Male hat er den Satz seither wiederholt. Denn er begreift den Anschlag als Zeitenwende, als Herausforderung und Chance für eine neue Qualität internationaler Politik. Vom Irak war nicht die Rede, aber von Schurkenstaaten und als Blair diese Parteitagsrede unter tosendem Jubel beendete, klang es fast, als hätte er sich, lange vor dem amerikanischen Strategiepapier, dem Präventivschlag als Mittel der Politik verschrieben. „Das Kaleidoskop wurde geschüttelt. Die Stücke sind in Bewegung und werden bald zur Ruhe kommen. Doch zuvor sollten wir unsere Welt neu ordnen.“

Eine aggressiv-interventionistische Außenpolitik war nichts Neues für Blair. Als angehender Politiker lernte er von Frau Thatcher, dass man vor dem letzten Mittel kriegerischer Gewalt nicht zurückscheuen darf. 1998 ordnete er mit Clinton Luftangriffe gegen den Irak an. Er war in Europa die treibende Kraft hinter dem Krieg gegen Milosevic, ebenso als es gegen die Taliban in Afghanistan ging. Nach Churchill ist er der kriegserfahrendste britische Premier. Immer zog er dabei mit gutem moralischen Gewissen und gegen Unrechtsregime ins Feld. Immer auch gegen starke Opposition im eigenen Land. Und immer waren die Amerikaner diejenigen, die den Krieg erst möglich machten und seinen Erfolg sicherten. Multilateralismus, eine starke internationale Komponente war dabei stets die Basis von Blairs Überzeugungen.

Er weiß – anders als offenbar die Franzosen – dass es ohne oder gegen die Amerikaner keinen Multilateralismus geben kann und keine Vereinten Nationen, die ihren Namen verdienen würden. Wenn es nun um die zweite UN-Resolution geht, steht viel für Blairs politisches Überleben auf dem Spiel, denn die Briten wollen sie. Genauso wie für all jene, denen in einer krisenhaften Weltlage an der Funktionsfähigkeit der UN gelegen ist.

Aber nichts wird Blair nun von der Seite Amerikas trennen. Vielleicht geht sein größter Wunsch in Erfüllung und Saddam knickt ein. Vielleicht wird der Krieg kurz, fordert wenig Opfer und wird von den unterdrückten Iraker so jubelnd begrüßt wie jetzt schon von der Mehrheit der Exiliraker. Vielleicht schützt er die Welt nicht nur vor zukünftiger Ölerpressung durch den Tyrannen im Irak, sondern leitet tatsächlich die Neuordnung im Nahen Osten ein, die seit Jahrzehnten überfällig ist. Wenn es so kommt, dann wird Blair durch seine Weitsicht und seinen Mut zu einem uneinholbaren Politiker in Europa. Vielleicht aber erweist er sich als falscher Friedensprophet und stürzt, zusammen mit Bush, die Region in jenes blutige Chaos, das die Friedensdemonstranten befürchten. Das wäre wohl das Ende des Politikers Blair.

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