Meinung : Mit 40 hat man noch Träume

Die deutsch-französische Union ist Utopie – aber eine wichtige

Gerd Appenzeller

Schläft die deutsche Presse, hören Journalisten westlich des Rheins hingegen das Gras wachsen? Während die deutschen Zeitungen sich auf ihren ersten Seiten mit der Commerzbank und dem verheerenden Anschlag auf die italienischen Truppen im Irak beschäftigen, ist das Topthema der Pariser Presse eine Union zwischen Frankreich und Deutschland. Premierminister Raffarin wird mit der Bemerkung zitiert, man könne da schon sehr weit gehen. Von Außenminister Dominique de Villepin lesen wir den Satz, das Zusammengehen dieser beiden Staaten sei die einzige historische Herausforderung, bei der Frankreich nicht verlieren könne. Im Jubiläumsjahr des Deutsch-Französischen Vertrages klingt das nach mehr als den üblichen Elogen zu einem 40. Geburtstag. Ganz offensichtlich ist die französische Wahrnehmung eine andere als die deutsche. Denn dass es offizielle Gespräche zur Verabredung einer gemeinsamen Außen-, Verteidigungs-, Wirtschafts- und Bildungspolitik gebe, wird in Berlin von niemandem bestätigt.

Am 85. Jahrestag des Endes des Ersten Weltkrieges bekennen sich das politische und das publizistische Frankreich aber zu einer Emotionalität, über die man früher bei den Deutschen gerne lächelte, wenn die das enge Miteinander beider Staaten beschworen. Vergessen sind die Zeiten, in denen Jacques Chirac den bayerischen Ministerpräsidenten als den kommenden Kanzler hofierte. In Berlin hat man sich schon länger, in Paris erst später, darauf besonnen, dass die Beziehungen zwischen Staaten nicht unter den Befindlichkeiten ihrer führenden Politiker leiden dürfen. Und fast zehn Jahre nach dem aus heutiger Sicht schon geradezu historischen Kerneuropa-Papier von Wolfgang Schäuble und Karl Lamers sind sich beide Länder des hohen Maßes der Gemeinsamkeiten mehr bewusst denn je.

Dabei geht es nicht mehr darum, dass sich Deutschland hüten müsse, in einen Entscheidungskonflikt zwischen den USA und Frankreich gestellt zu werden, wenn es um eine bevorzugte Partnerschaft geht. Auch die Vorstellung, das laute Nachdenken über eine Union der beiden großen Alt-Europäer könne die Fliehkräfte der EU-Beitrittsstaaten neutralisieren, entbehrt wohl der Grundlage. Nein, es ist einfach so, dass man mit 40 noch Träume haben darf. Und dass es in der Politik ohne Visionen nur zur Verwaltung langt, hat sich inzwischen herumgesprochen.

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