Meinung : Mit ausgestreckter Hand

Die Deutschen leisten in Afghanistan mehr als andere: Kein Grund, sich zurückzuziehen

Hans Monath

Lange war es um die Auslandseinsätze der Bundeswehr ruhig, doch nun scheinen viele ihrer Missionen auf einmal in die Kritik zu geraten. Von Verteidigungsminister Peter Struck verlangt die Opposition nicht nur Aufklärung über die Pannen während der Märzunruhen im Kosovo. Wichtige Köpfe von Union und FDP drohen nun damit, die Verlängerung des Afghanistanmandats zu verweigern. Und die Bundeswehr sieht sich dem Vorwurf ausgesetzt, bei den gewalttätigen Demonstrationen im nordost-afghanischen Faisabad vor einer Woche ausländische Helfer im Stich gelassen zu haben.

Es ist die Pflicht der Opposition, von der Regierung Auskunft zu verlangen, für welches Konzept deutsche Soldaten ihren Kopf hinhalten sollen und wer verantwortlich ist, wenn sie ihrem Auftrag nicht nachkommen. Vor allem das Konzept der regionalen Aufbauteams (PRT) in Kundus und Faisabad steht nun in der Kritik, weil sie angeblich ihr politisches Ziel nicht erreichen, im Ernstfall auf sich gestellt sind und nicht gegen den Drogenanbau vorgehen. Doch sollten sich die Sicherheitspolitiker von Union und FDP hüten, unrealistische Erwartungen an die Möglichkeiten der Bundeswehr in Afghanistan zu schüren.

In Faisabad im Bergland nahe der chinesischen Grenze sind 61 Mann im Rahmen der internationalen Friedenstruppe (Isaf) gegenwärtig damit beschäftigt, für die Parlamentswahlen am 9. Oktober ein sichereres Umfeld zu schaffen. Wer tatsächlich meint, fünf Dutzend Soldaten könnten gegen die von Warlords kontrollierten Mohnfelder der Region in den Krieg ziehen, sollte vorsorglich schon einmal die Unterstützung von Tausenden von US-Soldaten anfordern. Auch können 300 Bundeswehr-Kräfte in Nordafghanistan unmöglich an jedem Ort für Sicherheit sorgen.

Bei ihrer Mission sind die Isaf-Soldaten auf eine Zusammenarbeit mit den Warlords angewiesen. Die Bundeswehr tastet deren Machtanspruch und Drogengeschäfte nicht mit Waffengewalt an, dafür lassen deren Privatarmeen die Bundeswehr in Ruhe. Wer vorhätte, beim Aufbau einer stabilen Ordnung am Hindukusch nur die Hände von lupenreinen Demokraten zu schütteln, sollte gleich in Deutschland bleiben.

Für den Übergangspräsidenten Hamid Karsai sind die regionalen Kriegsfürsten „eine schlimmere Bedrohung als der Terrorismus“, wie er mehrfach betont hat. Aber Karsai preist die Leistung der Deutschen in Kabul und die der PRT-Kontingente und sähe lieber heute als morgen mehr Nato-Kräfte im Land.

Ähnlich wie manche deutsche Außenpolitiker weiß Karsai, dass auch die Zusammenarbeit von Bundeswehr und Warlords auf Dauer die Macht der Warlords schwächen kann. Anders als islamistische Terroristen, die auch in den PRT-Einsatzorten Wähler, Schulen für Frauen und Isaf-Soldaten bedrohen, fragen Kriegsfürsten sehr wohl nach ihrem eigenen Vorteil: Wenn sie sehen, dass auch andere Produkte als Opium Geld bringen und dass Hilfsprojekte oder Investitionen den Wohlstand ihrer Region mehren, werden sie sich nicht mehr allein auf die Macht der Gewehre verlassen und eher bereit sein, mit der noch schwachen Zentralregierung zu kooperieren.

Zudem: Haben die Wähler im Oktober erst einmal ihr Kreuz gemacht, erleben die Afghanen nach vielen Jahrzehnten erstmals wieder eine Form der Legitimation politischer Macht, die auf Dauer Ansprüche schafft. Bei der Sicherung dieser Wahl hilft die Bundeswehr.

Ein bisschen scheinheilig ist die Kritik auch: Zumindest die Union wird im Bundestag mehrheitlich dem neuen Mandat zustimmen. Das Aufbaukonzept der Bundeswehr ist eng mit den UN, der Nato und den USA abgestimmt. Wer es aufkündigen wollte, würde viel mehr als nur den Aufbau in Afghanistan beschädigen. Dabei leisten die Deutschen nebst den Amerikanern mehr als andere. Das aber ist kein Grund, sich jetzt zurückzuziehen, sondern Anlass, mehr Hilfe anderer Nato-Staaten zu fordern.

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