Meinung : Mit dem Bus durch WM-Deutschland

Roger Boyes, The Times

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Was immer Google Ihnen auch sagt: M19 ist kein amerikanisches Sturmgewehr. Es ist der Bus, der vom Mehringdamm zu meiner lokalen Bar führt, dem Café Floh. Am Tag, an dem die WM-Fußball endlich in Berlin ankam, parkte der Fahrer den Bus, holte einen Schlüssel aus einem Geheimfach und ging zur Toilette, die in der Mitte des Platzes gebaut wurde und ausschließlich BVG-Personal vorbehalten ist. Er kaufte sich dann beim Bäcker einen Kaffee, bei einer Frau mit hochstehenden Haaren, die eine Schürze in den Deutschlandfarben trug. Nach genau vier Minuten nahm der Bus seinen langen Weg zurück nach Kreuzberg. Die trübselige Stimme Günter Netzers kam aus dem Biergarten des Floh und hallte dem Fahrer hinterher.

Man braucht 45 Minuten vom Grunewald nach Kreuzberg. Wie wir wissen, ist das genau die Hälfte eines Fußballspiels (oder eine ganze Sitzung beim Psychotherapeuten). Als wir losfuhren, um 17 Uhr 57, liefen die Spieler gerade aufs Feld. Im M19 traten wir jedoch in eine andere Welt ein. Es gab eine müde philippinische Putzfrau, eine Frau, die im Teufelssee geschwommen war, mit einem dunklen Wasserfleck auf ihrem Rucksack. Langsam schien der ofenheiße Bus alle aufzusammeln, die sich nichts aus Fußball machten. Es gab einen Rentner, der ein Sudoku ausfüllte, drei kichernde Bravo-Leserinnen; am FKK-Strand an der Königsallee nahmen wir einen Mann mittleren Alters in einer Fischerweste mit; an Franky’s Currywurst-Station Touristen mit Plastikflaschen. Am Nollendorfplatz kamen iPods und Kopftücher dazu; an der Yorkstraße verließen uns die Philippina und der FKK-Mann und wurden von einem rasierten, schwitzenden Fitnessfanatiker ersetzt. Dann kamen wir an und der Fahrer ging noch einmal zur Toilette. Ich ging in eine Bar und fragte nach dem Halbzeitergebnis: 0:0.

Auf der ganzen Strecke hatten wir durch unsere verschmierten Fenster Legionen von blauen französischen Fans gesehen, peinlich berührte Schweizer, Kroaten in rot-weißen Karos und, natürlich, die begeisterten gelben Brasilianer. Und dennoch hatten wir nichts verpasst. Fußball, seien wir ehrlich, sorgt selten für historische Momente. Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich sehe Fußball gerne. Aber ich mag es nicht, wenn man mir Fußball analysiert; ein Spiel zu dekonstruieren ist wie eine Doktorarbeit über Rosamunde Pilcher oder einen Hamburger mit einem Chirurgenmesser zu essen. Es ist der Überbau, der mich stört; der Status Netzers als Hohepriester. Deshalb ist es manchmal sinnvoll, den Fernseher auszustellen und in einen Bus zu steigen, der so laut ist, dass man das dumpfe Grollen nicht hört, wenn auf einem der Kneipenbildschirme ein Tor gefallen ist.

Aber am wenigsten mag ich die Kombination von Selbsttäuschung und Chauvinismus, die jedes Team davon überzeugt, dass es Erfolg haben wird. Als französische Reservisten zum Bahnhof gingen, um Krieg gegen Preußen zu führen, riefen sie „à Berlin“ in einem Akt blinden Glaubens. Nun sagt jedes Land dasselbe, wo es doch offensichtlich ist, dass viele mittelmäßig und schlecht vorbereitet sind. Das führt Generationen junger Männer schwer in die Irre, die man glauben lässt, dass ihr Land wirklich das beste ist und dass eine böse Verschwörung, Pech oder irgendein angeborenes Opfertum sie davon abhält, ihre Träume zu realisieren. Einige frustrierte Jungen, Matthias Matussek zum Beispiel, machen dies zur Basis eines altmodischen Rufes nach einem modernen Patriotismus. Das MM-Argument, offenbar gemacht für die Fußball-Ränge, ist, dass Deutschlands wahrer Wert weder von Ausländern noch den Deutschen selbst anerkannt wird. Sobald die Deutschen realisieren, dass sie besser sind als andere, werden sie sich wohler fühlen mit sich selbst. Nun, das klingt nicht sonderlich modern. Es ist der Stand der deutschen Patriotismusdebatte von ungefähr 1890.

Fußball, oder eher die Notwendigkeit, zur WM einen Bestseller zu produzieren, verzerrt unsere Vorstellung von Patriotismus. Internationale Beziehungen haben nichts mehr mit gewinnen oder verlieren zu tun, jedenfalls nicht in jener simplen Form eines Spiels, das von 22 Sportlern ausgetragen wird. Selbst der Krieg kann nicht mehr so gemessen werden – wer hat denn tatsächlich den Krieg im Irak gewonnen? – warum sollte also Nationalität so gemessen werden können? Matussek sollte sich fragen, warum so viele Deutsche brasilianische Hemden tragen. Weil sie auf der Seite eines Gewinners stehen wollen? Oder weil sie wollen, dass Deutschland so entspannt und voller Freude ist, wie Brasilien? Die Liebe zu einem Land hat nichts mit der Liebe zum Fußball zu tun. Schalten Sie Ihr Megaphon aus, Herr Matussek; ziehen Sie Ihr Fußballtrikot aus und nehmen Sie den Bus zur Arbeit.

Übersetzt von Clemens Wergin

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