Meinung : Mit dem Latein noch nicht am Ende Schily, Cicero und die Mittel

der modernen Fahndung

Von Lorenz Maroldt

Marcus Tullius Cicero, römischer Politiker und großer Sprücheklopfer seiner Zeit, befand im letzten Jahrhundert vor Christi Geburt: „Das Gesicht ist das Abbild des Hirns, die Augen sein Berichterstatter.“ Da irrte der Denker. Was in einem vorgeht, lässt sich nicht sicher an Stirnfalten und Augen ablesen. Und was einer ist, etwa ein Terrorist, lässt sich am Gesicht nicht erkennen; nur Nazis glauben so was.

Innenminister Schily, der den Vergleich mit Cicero schmeichelhaft findet, will zur besseren Terrorismusbekämpfung biometrische Merkmale auf Ausweisen registrieren. Dazu gehören, neben Fingerabdrücken, auch Gesichtsmerkmale und die Iris des Auges. Diese Initiative ist richtig. Identifizierbar zu sein, verstößt nicht gegen die Menschenwürde, sondern ist ja der Sinn des Ausweiswesens. Mit Datenschutz hat das wenig zu tun, mit einem Verstoß dagegen nichts.

Umstrittener ist der genetische Fingerabdruck, also der Aufbau einer gigantischen DNA-Datei. So fordert der sächsische Innenminister Horst Rasch, von allen Tatverdächtigen, auch Kleinkriminellen, eine Probe des Erbguts zu Fahndungszwecken sichern. Hamburgs Ex-Innensenator Schill wollte sogar Schwarzfahrer aufnehmen. In England, wo das DNS-Profil von bereits zwei Millionen Menschen registriert ist, werden mit Hilfe des Gen-Vergleichs jeden Monat ein Dutzend Morde aufgeklärt, dazu mehr als 30 Vergewaltigungen, fast 800 Autodiebstähle – im gesamten vergangenen Jahr 20 000 Verbrechen, mehr als doppelt so viele als zwei Jahre zuvor. Das ist eine starkes Argument in einer Gesellschaft, deren Rechtsordnung den Tätern mehr Aufmerksamkeit schenkt als den Opfern. Und es ist ein gefährliches Argument, weil es von verletzten Gefühlen geprägt ist. Mit biometrischen Daten im Ausweis ist Missbrauch kaum möglich. Mit genetischen Fingerabdrücken durchaus.

Schily liebäugelt damit, sich bei seiner weiteren Lebensplanung an Cicero zu orientieren. Das sollte er besser nicht tun. Marcus Tullius Cicero wurde von Häschern seines Feindes Antonius im Wald aufgespürt und erschlagen, weil er auf einer Proskriptionsliste stand, einer Art Fahndungsplakat. Kein wirklich vorbildliches Ende einer politischen Karriere. Aber Cicero, der jünger starb als Schily heute ist, hinterließ uns auch diese Lehre: Causarum enim cognitio cognitionem eventorum facit – Die Kenntnis der Ursachen bewirkt die Erkenntnis der Ergebnisse. Das darf im Fahndungseifer nicht untergehen.

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