Meinung : Mit dem Rücken zum Bosporus

Was macht die Türkei, wenn Europa sie nicht will? Alternativen sind keine in Sicht

Thomas Seibert

Wenn türkische Politiker mal so richtig Dampf ablassen wollen, dann schimpfen sie über die Europäer. Nach den Terroranschlägen von London beschwerte sich Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan öffentlich, Europa messe beim Thema Terrorismus mit zweierlei Maß. Niemand in Europa rede darüber, dass dort Moscheen angegriffen würden, sagte der Ministerpräsident. Das kommt gut an, besonders bei Erdogans religiösen Wählern. Von Zeit zu Zeit denken Erdogan selbst und andere türkische Spitzenpolitiker sogar laut über eine Neuorientierung ihrer Außenpolitik nach. Eine echte Alternative zu Europa ist für Ankara aber nicht in Sicht.

Die Fixierung auf Europa liegt der türkischen Republik gewissermaßen im Blut. Staatsgründer Atatürk setzte die Erben der Osmanen vor über 80 Jahren auf Westkurs, weil Europa für ihn der Inbegriff moderner Zivilisation war. Neben dieser ideologischen Festlegung lenken noch andere starke Kräfte den Blick der Türkei nach Europa. Die Hälfte aller türkischen Exporte geht in die EU; seit 1996 sind die Europäische Gemeinschaft und die Türkei schon durch eine Zollunion verbunden. Von den rund vier Millionen Türken, die im Ausland leben, wohnen die allermeisten in Deutschland und anderen westeuropäischen Staaten.

Dieses Geflecht aus historischen, wirtschaftlichen und menschlichen Faktoren macht Europa für die Türkei unersetzlich. Die Vereinigten Staaten sind als Hauptverbündete außerhalb Europas zwar ebenfalls wichtig, liefern den Türken aber keine Vision für die Zukunft ihres Landes. Die Türkei kann niemals Teil Amerikas sein, lediglich ein regionaler Partner mit sehr beschränkten Einflussmöglichkeiten, wie sich zuletzt im Irakkrieg zeigte.

Auch der Nahe Osten und die islamische Welt bieten der Türkei keinen mit Europa vergleichbaren Bezugspunkt. Der erste islamistische Ministerpräsident in Ankara, Necmettin Erbakan, scheiterte vor knapp zehn Jahren kläglich mit seiner so genannten islamischen Außenpolitik. Erbakan wurde vom libyschen Staatschef Muammar al Gaddafi sogar öffentlich gedemütigt; Syrien unterstützte lange Zeit aktiv die Kurdenrebellen von der PKK. Als Erben der osmanischen Herrscher sind die Türken in weiten Teilen des Nahen Ostens ohnehin unbeliebt.

Der engste Partner der Türkei in der Nahost-Region ist ausgerechnet Israel: Sowohl die säkulare Türkei als auch der jüdische Staat verstehen sich als Vorposten des Westens. Inzwischen pflegen die Türken zwar auch wieder gute Beziehungen etwa zu Syrien, doch dabei geht es um wirtschaftliche Zusammenarbeit und um konkrete politische Ziele wie die Verhinderung eines Kurdenstaates im Nordirak, nicht um eine gemeinsame Zukunftsvision. Eine Nahost-Union als Alternative zur Europäischen Union ist nicht in Sicht. Der nach dem sowjetischen Zusammenbruch gestartete Versuch der Türkei, sich zur Führungsmacht der zentralasiatischen Turkstaaten zu machen, endete ebenfalls im Misserfolg.

Spätestens seit die Türkei 1999 offiziell zum EU-Beitrittskandidaten ernannt wurde und damit ins Vorzimmer der EU gelangte, ist Europa als Priorität der Außenpolitik Ankaras konkurrenzlos. Wenn die türkische EU-Bewerbung am Nein der Europäer scheitern sollte, wäre das deshalb der außenpolitische GAU für das Land: Als Staat, der sein Europa-Streben als historische Mission begreift, würde die Türkei in eine schwere Identitätskrise geraten. Nationalisten würden die völlige Abkopplung von Europa fordern, Islamisten die Hinwendung zur islamischen Welt, es wäre die Stunde der Populisten. Die Türkei würde unberechenbar.

Deshalb meint der türkische Außenminister Abdullah Gül es sehr ernst, wenn er mit Blick auf die geplanten Beitrittsgespräche am 3. Oktober sagt, wichtig sei vor allem, dass die Gespräche beginnen. Die Türkei braucht eine europäische Perspektive, um sich weiterentwickeln zu können. Ob das Land am Ende tatsächlich EU-Mitglied wird, ist zweitrangig, jedenfalls zur Zeit: Für die Türkei ist der Weg das Ziel.

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