Meinung : Mit dem Teufel an einem Tisch

Ein Blick auf kirchliche Dissidenten während der NS-Zeit zeigt, wie schwierig es ist, zu definieren, was das eigentlich ist: Widerstand.

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Vom Sommer 1941 bis zum Frühjahr 1942 hatte ein als Konvertit getarnter Spitzel die Lübecker Priester Johannes Prassek, Eduard Müller und Helmut Lange ausgehorcht. Am 7. April 1942 war der mit ihnen in Austausch stehende Kollege Karl Friedrich Stellbrink verhaftet worden. Dieser evangelische Pastor galt in seiner Kirche als hitzköpfiges enfant terrible; er war NSDAP-Mitglied gewesen, 1936 wegen offener Beziehungen zu einem Juden von der Partei ausgeschlossen worden und verbreitete nun regimekritische Predigten des Kardinals von Münster. Eine Predigt Stellbrinks, in der es hieß, beim letzten Bombenangriff habe Gott „in mächtiger Sprache“ geredet, alarmierte die Gestapo. Die Festnahme seiner katholischen Gesinnungsfreunde erfolgte im Mai und im Juni 1942. Bei dem Volksgerichtshof-Prozess, der ein Jahr später in Lübeck stattfand, erhielten 18 Gemeindemitglieder, die ebenfalls inhaftiert worden waren, Freiheitsstrafen. Die vier Geistlichen wurden am 10. November 1943 wegen „Rundfunkverbrechen, landesverräterischer Feindbegünstigung und Zersetzung der Wehrkraft“ innerhalb von zwölf Minuten in der Hamburger Haftanstalt Holstenglacis mit dem Fallbeil hingerichtet. Zuvor war der evangelische Pastor von seiner Landeskirche aus dem Dienst entlassen worden.

Widerstand ...

Der Gebrauch des Begriffes ist heute, 70 Jahre nach der Hinrichtung der vier Lübecker Geistlichen, ist ins Ungefähre verrutscht. Als Widerstandsaktion gilt es derzeit bereits, E-Mails zu verschlüsseln, den Konsum fragwürdiger Produkte zu verweigern oder gegen den Global-Kapitalismus zu campieren: Im Rechtsstaat artikuliert sich ziviler Ungehorsam eben anders. Allerdings wandeln sich, rückblickend, auch manche Bewertungen von Diktaturerfahrungen des letzten Jahrhunderts. Während der Nachkriegsjahre war der heute für vielerlei Dissidententum angewandte Terminus „Widerstandskampf“ wenig verbreitet; mancher Kriegsheimkehrer hätte die positive Assoziation zum Partisanenkrieg kaum ertragen. „Im Widerstand“ sei dieser oder jener gewesen, sagte man damals – was sich meistens auf Verschwörer des 20. Juli bezog.

Später wurde die Mikroebene nebenan für die Widerstandserzählung entdeckt: die Verweigerung der „Stillen Helden“ im Alltag. Umgekehrt nimmt wiederum der kritische Impuls gegenüber denen zu, die auf der Ebene des Staatsapparats „dagegen“ gehandelt haben (wollen). Das betraf zuletzt die Pseudo-Resistance eines Marinerichters Filbinger, der seine Schuld als NS-Jurist hatte beschönigen wollen; das traf in einer jüngst erschienenen Biografie den von antijüdischen Ressentiments nicht freien Hitler-Gegner Goerdeler.

Den Lübecker Priestern wurde von der Gestapo suggeriert, ihr Vorgesetzter habe sie fallen gelassen. Aber Wilhelm Berning, der Bischof von Osnabrück, hatte die Todeskandidaten noch in der Zelle besucht, ein Gnadengesuch eingereicht. Seit 1933 trug er den von Hermann Göring verliehenen Titel Preußischer Staatsrat, was ihm Zugang zu Ministerien in Berlin verschaffte. Aus dem ganzen Land erreichen ihn Bitten, für verfolgte Kleriker zu intervenieren, was seit Kriegsbeginn kaum Erfolg versprach. Doch für eine andere Form des Widerstandes setzte der Bischof den Polizeiseelsorger Heinrich Lünenborg ein. Dieser sammelte beim Kampftrinken mit der Gestapo in der Osnabrücker Kneipe „Löwenpudel“ lebensrettende Informationen: zur Einschätzung von Denunzianten, zur Verteidigung angeklagter Christen vor Gericht, zur Kontaktaufnahme mit geeigneten Verhandlungspartnern im Sicherheitsapparat.

Widerstand?

Skepsis gegenüber dem Widerstand von Staatsdienern und Institutionenvertretern bezieht sich auch auf die kirchliche Koexistenz mit Diktatoren. Glaubensgemeinschaften haben Märtyrertraditionen („Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“, heißt es in der Bibel), trotzdem ziehen sie oft den Vorwurf auf sich, opportunistisch vor Tyrannen eingeknickt zu sein. In diesem Sinn wird weithin das Verhalten Pius XII. während des deutschen Völkermordes beurteilt, unter Ausblendung päpstlicher Judenrettungsaktionen.

Als im März 2013 ein Latino zum Papst gewählt wurde, der 35 Jahre zuvor mit der Terrorherrschaft argentinischer Militärs konfrontiert gewesen war, gingen viele Kritikervermutungen in eine ähnliche Richtung. Der junge Jose Bergoglio war zur Zeit des Juntaterrors Provinzial seiner Jesuiten-Region. Ob er sich damals für zwei Patres, die entführt wurden, eingesetzt oder von ihnen distanziert und sie damit ausgeliefert hat, war nicht mehr zu beweisen. Andere Anklagen lauteten, er habe beim Junta-Chef zu Hause eine Messe gefeiert, aber Mütterdemonstrationen auf der Plaza del Mayo ignoriert. Hatte Bergoglio, um die Einheit seiner Gemeinschaft zu wahren, Einzelne geopfert? Hätte er für den Schulterschluss mit sozialpolitisch vorpreschenden Jesuiten, deren Kurs er ablehnte, seinen Orden gefährden sollen? Schon einige Jahre vor dem argentinischen Putsch ist das Ärgernis kirchenpolitischer Doppelmoral in Europa durch den Barden Franz Josef Degenhardt auf die Protest-Pointe gebracht worden: „In dieser Saison / will der Heilige Vater zwar wieder nicht die / Mordgenerale in Vietnam exkommunizieren / doch will er für den Frieden in aller Welt / ein Pontifikalamt zelebrieren.“

Die Hosianna-Welle für Papst Franziskus ist mittlerweile über solche Attacken hinweggeschwappt. Unbeantwortet bleibt trotzdem die Frage: Wie lang muss eigentlich der Löffel sein, den man bekanntlich braucht, um mit dem Teufel zu essen? Was unterscheidet argentinische Priester, die im Flugzeug staatlicher Mordkommandos Delinquenten vor deren tödlichem Abwurf in die Tiefe segnen, von einem offiziellen Seelsorger in den Hinrichtungsgefängnissen des NS-Regimes?

Die obrigkeitsgläubige „Eingabepolitik“, mit der während des „Dritten Reiches“ Kardinal Bertram von Breslau, der Vorsitzende der Fuldaer Bischofskonferenz, versucht hatte, bei NS-Funktionären Beschwerde über antikirchliche Akte zu führen, wird nicht unbedingt als Widerstandskampf gerühmt. Tatsächlich hatte der durch den Bismarck’schen Kulturkampf geprägte, Harmonie erstrebende Kirchenfürst mit über tausend folgenlosen Schriftsätzen versucht, seine Institution konfrontationsvermeidend durch die Diktatur zu führen. Noch vor dem Erlass des Ermächtigungsgesetzes war unter Bertram, der Hitlers Regierungserklärung samt kirchenfreundlichen Zusagen vom 23. März 1933 Glauben schenkte, die vormalige Kirchenkritik an der Nazi-Bewegung revidiert worden. Eine Taktik, die durch Verantwortung für das eigene Kollektiv motiviert war, aber in der Konsequenz dazu führte, dass die Einheit des Episkopats in den Kriegsjahren zerbrach.

Verantwortung haben, auf andere Art, die holländischen Bischöfe wahrgenommen, als sie 1942 in einem Hirtenbrief die Judenverfolgung ihrer deutschen Besatzer anprangerten. Die Rache erfolgte prompt und traf bei Razzien in Klöstern, wo Juden versteckt waren, auch jene, denen das Kanzelwort beistehen sollte. Ein idealistisches Engagement, das unter dem Aspekt kurzfristiger Effektivität als gescheitert gelten könnte. Wer im totalitären Staat als Vertreter einer Institution agiert, trägt Verantwortung auch für jene, die der ideologische Gegner als Geiseln nehmen kann.

Dabei entsteht das Dilemma der Erpressbarkeit nicht nur aus institutionellen, sondern ebenso in privaten Verbindungen. Selbst die Unabhängigkeit des solo agierenden Attentäters Georg Elser, der eine Gefährdung seiner Familie nicht verhindern konnte, war relativ. Priester, die häufiger mit dem NS-Regime in Konflikt gerieten als ihre evangelischen Kollegen, sind dennoch von Letzteren manchmal beneidet worden: weil die Gewissensentscheidung Eheloser durch Rücksichten auf Angehörige weniger belastet schien. Einem wegen regimefeindlicher Predigten gegen die Euthanasie denunzierten Pastor der westfälischen Landeskirche bot die Gestapo nach seinem Prozess die Freilassung an, falls er aufs Predigen verzichte. Nach einer schlaflosen Gefängnisnacht entschied sich der Vater kleiner Kinder gegen den Deal. Er überlebte 30 Monate KZ: mit Gesundheitsschäden. Seine Haft prägte die Geschichte der Familie. Die Mutter starb wenige Jahre nach dem Krieg an einem Herzleiden. Bei Schicksalsschlägen, die der Familie widerfuhren, stellte sich die Frage: War es der Mut des Vaters, der das Leben der Familie ruinierte?

Die Zerreißproben, privat oder institutionell, sind durch moralische Prinzipienfestigkeit nicht zu vermeiden. Dem Bedürfnis, die Familie zu schützen, entspricht im Rahmen der Institution die Aufgabe, deren Zusammenhalt zu bewahren. Der evangelische Landesbischof Hans Meiser hat während des „Dritten Reiches“ einerseits dem Reichsbischof der Deutschen Christen den Gehorsam verweigert, andererseits seine bayerischen Pfarrer auf den Hitlergruß verpflichtet. Einerseits mit dem Stuttgarter Landesbischof Wurm ein Protestschreiben gegen die Ermordung der Juden verfasst, es andererseits nicht unterzeichnet. Meiser hoffte, antikommunistisch traumatisiert, auf den Sieg über die UdSSR; er ist selbst zwei Wochen inhaftiert gewesen, hielt aber einem verhafteten Pfarrer entgegen: „Bei all ihrem tapferen Einsatz für Kirche und Evangelium müsste man sich doch fragen, ob sich bei größerer Vorsicht Ihr Schicksal nicht hätte vermeiden lassen.“

Das Taktieren seines Landeskirchenrats Julius Schieder zeigt noch deutlicher, wie Anpassung und Subversion verwischen können. Schieder ließ nach dem Novemberpogrom von der Kanzel die Zehn Gebote verlesen. Er predigte gegen die Euthanasie, sein Haus wurde durchsucht. Er selbst wurde angeklagt, setzte aber bevorzugt Pastoren mit Parteimitgliedschaft auf politisch komplizierte Posten und entfernte Nazi-Gegner gegen ihren Willen aus der Gemeinde. Widerstand? Überwinterungsstrategie? Besitzstandswahrung?

Weniger als die großen Konfessionen haben angeblich, wenn’s hart kommt, die kleineren zu verlieren: Das klingt in heutigen Diskussionen über eine „entweltlichte“ Kirche an, die unter der Tyrannei, frei von staatlich unterstützten Strukturen, dem Gewissenssignal folgen könnte. Doch ihren Resistance-Test während des „Dritten Reiches“ haben die Freikirchen nicht bestanden; sie fürchteten zunächst, in einer Reichskirche zwangsfusioniert zu werden, sahen dann in strategischer Ergebenheit gegenüber dem Regime ihre Chance auf staatliche Anerkennung. Bei den verbotsbedrohten Siebentags-Adventisten, deren Sabbatgebot sich verdächtig jüdisch ausnahm, entwickelte man über eigene Sozialwerke Kooperationsprojekte mit den Wohlfahrtswerken der Partei. Aus solchen Verstrickungen wollten die Adventisten während der DDR-Jahre lernen. Haben sie sich damals beispielsweise mit dem Zeigen der DDR-Flagge bei einer Generalkonferenz in den USA instrumentalisieren lassen? Zugeständnisse an die SED gab es keine, behauptet der langjährige Präsident der Gemeinschaft, Manfred Böttcher.

Im zwölfjährigen Hitler-Reich, in vier Jahrzehnten SED-Staat oder während der siebenjährigen argentinischen Militärdiktatur sahen Unterdrückungsszenarien für die betroffenen Kirchen unterschiedlich aus. Eine Institution, die meint, ihre Zukunft unbedingt sichern zu müssen, mag kurze Zeitspannen leichter taktierend oder konfrontativ durchhalten als Jahrzehnte. Aber Institutionen bestehen aus Individuen, die vielleicht an die Auferstehung glauben, zunächst jedoch einmal ihre Karriere, ihre besten Jahre, ihre Familie, ihren Kopf zu verlieren haben.

Ein Beispiel, an dem sich das Drama des gläubigen Widerstands im institutionellen Kontext über die historische Situation hinaus erkennen lässt, gibt der vor 70 Jahren im Zuchthaus Brandenburg enthauptete Franz Jägerstätter. Der steierische Bauer hatte 1940 in der Annahme, man müsse der Obrigkeit gehorchen, den Fahneneid auf Hitler geleistet, aber bei der Einberufung 1943 den Wehrdienst verweigert. Alle hatten dem vierfachen Vater abgeraten – außer seiner Frau Franziska; auch der zuständige Linzer Bischof, in dessen Diözese gerade Pfarrhöfe von der Gestapo durchsucht worden waren. „Sie trauen sich selber nicht, sonst kommen’s selber dran“, soll der 35-jährige Jägerstätter nach dem Gespräch im Bischofspalais traurig zu seiner Frau gesagt haben. Er blieb überzeugt, dass es sich bei Deutschlands „Raubzügen“ um einen ungerechten Krieg handele. Der Bischof begründete 1946 seine skeptische Bewertung dieses Außenseiters auch mit dessen „übertriebener“ Fixierung auf „Martyrium und Sühneleiden“. Die Witwe widersprach: Ihr Mann habe immer auf einen Ausweg gehofft. Und doch klingt gerade in der traditionellen Sühne-Frömmigkeit dieses katholischen Pazifisten jene überrationale Dimension der Stellvertretung an, die den gläubigen Widerstand von einer „nur“ auf politische Effektivität ausgerichteten Aktion unterscheidet: das mystische Konzept von Solidarität.

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