Meinung : Mit den Kirchengegnern

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Von Traugott Giesen

WO IST GOTT?

Mit Inbrunst beschuldigt der Tagesspiegel die Kirche der Achtungslosigkeit vor dem Atheisten Augstein. Eine Trauerfeier in einer Kirche sei Hohn auf seine Überzeugung. Das, mit Verlaub, sahen die Angehörigen anders. Sie baten um kirchliches Geleit. Als Ortspastor seines Feriensitzes kannte ich ihn flüchtig. Dass er hier an St. Severin zu Grabe kommen wollte, hatte ich gehört. Der Bitte seiner Nächsten entsprach ich.

Einem wohlhabenden Menschen aus meiner Nachbarschaft habe ich in Aussicht gestellt, ihn nicht zu beerdigen, wenn er nicht wieder in die Kirche eintrete. Es ist nicht einzusehen warum seine Putzfrau ihm mit ihrer Kirchensteuer die Kirche erhalte.

Man muss doch nicht meinen, Augstein wäre Unrecht getan. Wenn er sich Kirche vom Leib, von seinem Leichnam, hätte fernhalten wollen, hätte er das verfügt. Ihn für seine Kirchenkritik in Haft zu nehmen, ist zumindest riskant. Seine Nächsten waren der Meinung, das kirchliche Geleit käme, wenn es denn zu haben wäre, seinem letzten Wunsch entgegen. Ihn einen Atheisten zu nennen, halte ich für Einschätzungssache. Im FAZ-Fragebogen sagt er von sich: Er möchte zu sich selbst gerecht und ein guter Christ sein. Sicher ist die Frage nach Kirchenzugehörigkeit eine gute Ordnung, aber Rudolf Augstein setzte gern selbst die Ordnung, an die er sich hielt. Dass Kirche da ist, findet er spätestens jetzt, da er in der Fülle der Liebe und des Wissens ist, gut.

Wer sonst ist berufen, dafür einzustehen, dass die Liebe das Sterben für etwas anderes hält als Verlöschen. Die Liebe will, dass der Geliebte ewig geliebt bleibt. Dass uns nicht der Tod aufsaugt, sondern die Liebe vollendet. Diese Sehnsucht muss die christliche Gemeinde verstärken. Keiner verstärkte die Gewissheit, dass Gott noch viel mit uns vorhat, so sehr wie Jesus Christus: „Ich lebe, und ihr sollt auch leben“, sagt er auch Rudolf Augstein zu – unabhängig, ob ihm der Christus aufgegangen ist oder ob er nur mit dem Menschensohn ein Stück Weges gegangen ist.

Auch ob wir Gott finden mitten in diesem Leben, ist nicht das Wichtigste. Sondern dass wir von Gott gewollt und gefunden sind. Außerdem ist Christsein kein Besitz. Der Heilige Geist beruft, sammelt, erleuchtet, heiligt – das machen wir nicht selber. Christsein ist kein Haben sondern ein Werden. Und Christ-sein-wollen ist ja auch schon was.

Die Kirche zu verachten, „weil sie die Achtung vor ihren Widersachern verloren habe“, geht in die falsche Richtung. Kirche ist kein Verein, der seine Gaben nur für Mitglieder bereithält. Warum sollte sich Kirche nicht an das Wort ihres Herrn halten? Wer, wenn nicht Kirche, wüsste von der Zeitbedingtheit unserer Glaubens- und Unglaubensbekenntnisse? Auch Augstein zugute gilt das Wort des Paulus (1. Korinther13,12) „Wir sehen jetzt in einem beschlagenen Spiegel ein dunkles Bild. Jetzt erkenne ich stückweise, dann aber werde ich erkennen, wie ich von immerher gemeint bin“.

Die Wirklichkeit und das, was wir von ihr erfassen, sind zweierlei. Wir müssen nicht die Welt verstehen, wir müssen uns zurechtfinden, so Einstein. Mit diesem bruchstückhaften Wissen können wir denkenden Menschen nur auskommen – aus Hoffnung. Zumal als Journalist. Mit Neugier sterben, das wollte er sicher. Wir müssen auf Vollendung hoffen können, sonst würden wir den Geliebten doch verraten und aufgeben ans Nichts.

Wir haben hier nur Glaube, Ahnung, Hoffnung, Verachtung, Einschätzungen eben. Auch Augsteins Spiegel war manchmal beschlagen, da ist auch Häme und Gemeinheit beigemischt – aber schemenhaft auch Hoffnung: Die Enthüllungen schreien nach Reparatur, und jeder Verriss – auch in Sachen Kirche – wollte eines Besseren belehrt werden. Er suchte des Landes Bestes und hat eine Menge Sünden verhindert: mit der Angst vor Aufdeckung. Darum hat Kirche auch für ihn zu danken. Das fordert noch keine Trauerfeier in der Kirche, aber wer hat das Recht, zu behaupten, dass sie nicht hätte sein dürfen?

Wenn der letzte Text geschrieben und alles aus der Hand gegeben ist, dann werden die irdischen Beurteilungen vom Winde verweht. Was bleibt, ist Gebet: Die Liebe, die den Kosmos bewegt, soll ihn vollenden, ihn schön machen, ihn richten, im Sinne von herrichten, heilmachen. Zu Grabe brachten wir den ausgedienten Leib; den Reisesack des Lebens (R. Musil). Aber er ist mit Flügeln der Morgenröte von uns genommen, sein Ich, seine Seele ist vorweggenommen in ein Haus von Licht – das ist mein Vertrauenswissen.

Der Autor ist Pastor an der Keitumer Kirche „St. Severin“ auf Sylt und hielt die Trauerrede zur Beerdigung Rudolf Augsteins. Er antwortet auf einen Kommentar von Malte Lehming.

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