Meinung : Mit den Vertriebenen

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WO IST GOTT?

Wir alle sind Vertriebene – aus dem Paradies. Das „Recht auf Heimat" war von Anfang an brüchig. Oft ist gefragt worden: Wo war Gott in Auschwitz? Wo war er im ganzen 20. Jahrhundert, als Millionen vertrieben wurden? Hat er die Erde, dieses Körnchen Staub in seinem Weltenplan, überhaupt beachtet? Oder weilte er gerade in entlegenen Regionen des Universums? Hat er zugeschaut, wie Frauen und Kinder vergast und Völker aus ihrem Gelobten Land vertrieben wurden – zuletzt im Kosovo, in Afghanistan?

Wenn ein europäisches Zentrum gegen Vertreibung entsteht – ich hoffe: in Breslau –, werden wir alles in Filmen und Fotos sehen: die Akteure der „Haupt- und Staatsaktionen", das Unrecht gegen Schuldlose, das vielen Religionen heilige Prinzip ausgleichender Gerechtigkeit: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Aber auch die Vergebung und die Bitte um Vergebung. In diesem Museum wird Gott selbst anwesend sein. Auf anmaßenden Soldatenkoppeln „Gott mit uns", auf Fahnen: „Gott, Ehre und Vaterland". Aber mehr noch im Gedenken an alle, die trotz Krieg und Rachegefühlen im „Feind" den Nächsten sahen. Im Bemühen um Aussöhnung, in der Rührung und Demut gegenüber fremdem Leid, in der Scham über die Taten des eigenen Volkes.

Breslau ist keine Hauptstadt, keine Schaubühne des nationalen Egoismus. Seine deutsche, polnische, tschechische, österreichische, jüdische, russische und ukrainische Geschichte öffnet die Chance zur Erlösung von diesen Egoismen. In dieser Stadt fällt es wohl leichter als in Berlin, Mitgefühl mit dem Schmerz anderer zu entwickeln.

Der Autor ist Deutschland-Experte der polnischen Zeitung „Polityka“.

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