Meinung : Mit Geist und Genuss

Enzensberger will die „Andere Bibliothek“ einstellen. Für einen Nachruf ist es zu früh

Marius Meller

Was lange währt, muss aber nicht ewig dauern.“ Mit dieser immer zutreffenden und ergo wenig tröstlichen Binsenweisheit wandte sich am Montag der unbestrittene Spitzenkandidat auf die Position des bundesdeutschen Dichterfürsten, Hans Magnus Enzensberger, per E-Mail an Autoren, Mitarbeiter und den Verlag der legendären „Anderen Bibliothek“, die er mit großem Erfolg seit 1985 herausgibt. Nach einigen besonders geglückten Bänden „scheint uns der ideale Zeitpunkt gekommen, um dem Spiel ein Ende zu setzen“. Schrieb’s und schüttelte noch ein bedrohliches, apokalyptisches Prunk-Zitat aus der Dichterkutte, eines vom Großpoeten Ezra Pound: „Besser: ,with a bang, not with a whimper‘“ (Lieber mit einem Knall als mit einem Wimmern.)

Dass diese lakonische Mail bei den Adressaten und in der Öffentlichkeit einen Knalleffekt auslösen würde: dessen konnte sich der Absender, der jüngst seinen 75. Geburtstag feierte, sicher sein. Zunächst bei den Lesern und Sammlern der „Anderen Bibliothek“. Seit fast 20 Jahren erscheint Monat für Monat ein Luxusbuch zum vernünftigen Preis: 1985, im Startjahr, kostete ein Band in bibliophiler Ausstattung, in Blei gesetzt, auf feinem Papier gedruckt, schlanke 25 Mark. Es gab Subskribenten, die die Reihe abonnierten. Von jedem Band gab es eine „Vorzugsausgabe“, die den üblichen Luxus noch steigerte: Für anfangs 99 Mark erwarb man ein Buch mit einem Einband aus provençalischem Büttenpapier mit eingeschöpften Lavendelblüten, oder auch mal aus „ostindischem Kalbsleder“. Einzelne Vorzugsausgaben erreichen heute auf Versteigerungen Preise um die 500 Euro.

Der Geist gönnte sich in den 80er Jahren mit der „Anderen Bibliothek“ endlich wieder ein kostbares, aber nie protziges Kostüm. Was die berühmte „edition suhrkamp“ für die 60er und 70er war, war die „Andere Bibliothek“ für die 80er und 90er. Den fast puritanisch-modernistischen Zweckmäßigkeitsanspruch der Suhrkamp-Reihe konterten Enzensberger und sein begnadeter Buchgestalter Franz Greno mit postmoderner Verspieltheit. Das „Andere“ dieser Bibliothek kokettierte mit dem alternativen, aber neu-hedonistischen Zeitgeist, nannte sich zu jener Zeit doch jeder zweite Vollkornbäcker „Der andere Brotladen“ oder ähnlich. Das Programm frönte dem niveauvollen geistigen Genuss. Die literarische Spürnase HME wurde zur Marke für literarische Wieder- und Neuentdeckungen. Sei es, dass Enzensberger selbst, alias Andreas Thalmayr, mit dem „Wasserzeichen der Poesie“ (1985) leichthändig vorführte, wie ein postmodernes Gehirn lesen, denken und dichten müsste. Sei es, dass mit Christoph Ransmayrs Roman „Die Letzte Welt“ (1988) die literarische Postmoderne-Debatte in Deutschland erst so richtig in Gang kam – immer war die „Andere Bibliothek“ dem Zeitgeist um ein, zwei Nasenlängen voraus.

Aber nicht zu vergessen: Das viel beschworene „Luftwesen HME“ schwirrte als Herausgeber nicht ausschließlich durch literarische Auen, sondern konnte auch ganz hemdsärmlig durch den Sumpf der deutschen Zeitgeschichte stapfen. Von den frühen Sonderbänden der Bibliothek zu den Verstrickungen deutscher Bankhäuser in der NS-Zeit bis zum Bestseller „Anonyma: Eine Frau in Berlin“ wurde immer wieder Material zu deutschen Fragen geliefert.

Geknallt hat Enzensbergers E-Mail-Bombe aber nicht nur für Leser und Sammler, sondern auch für den Eichborn Verlag, in dem seit 1989 die „Andere Bibliothek“ erscheint – und für die Autoren, deren Projekte vertraglich bis Ende 2006 abgesichert sind. HMEs Herausgebervertrag ist – laut Verlag – bis Ende 2007 rechtskräftig. Nun will HME zum 30. September 2005 vorzeitig aussteigen. Dem schlauen Enzensberger ist kaum zuzutrauen, dass er sich nicht über die juristischen Modalitäten im Klaren ist. Die Marke „Andere Bibliothek“ gehört der Eichborn AG – eine Fortsetzung mit anderem Herausgeber scheint verlegerisch kaum ratsam. Dass sich Enzensberger nun zum Dichten letzter Urworte zurückzieht, ist ebenso unwahrscheinlich, profitierte er doch zeitlebens von den Synergieeffekten seines Multitalents. Befragt zum Lustpegel in Sachen Büchermachen antwortet er dem Tagesspiegel jedenfalls ganz urwortig-orphisch: „Es ist noch nicht aller Tage Abend.“

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