Meinung : Mit und ohne Kopftuch

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Von Katajun Amirpur

WO IST GOTT?

Auf die Frage, ob meine iranische Großmutter auch so dunkle Haare hatte wie er oder ob ich meine hellen Haare vielleicht von ihr geerbt habe, erwiderte mein Vater, er könne sich nicht an die Haarfarbe seiner Mutter erinnern. Er habe sie nie ohne Kopftuch gesehen.

Nun müssen muslimische Frauen bekanntlich vor ihren Söhnen kein Kopftuch tragen. Aber es war so mit ihr verwachsen, dass man sie tatsächlich nie ohne sah. In ihren jungen Jahren war das anders, doch irgendwann empfand sie das Kopftuch als ein Zeichen ihrer Würde. Ihr zu verbieten, es zu tragen, hätte bedeutet, ihr den Respekt zu versagen. Wie sie empfanden viele iranische Frauen, als Schah Reza Pahlavi im Jahre 1936 ein generelles Kopftuchverbot aussprach. Viele gingen daraufhin nicht mehr aus dem Haus.

Seit der Revolution, die 1978/79 in Iran stattfand, ist das Kopftuch das Symbol für den politischen Islam schlechthin, heißt es in dieser Debatte immer wieder. Dabei wird übersehen, dass es damals ein politisches Symbol für etwas völlig anderes war, als wir hier annehmen und auch nur werden konnte, weil der iranische Schah es einst verbieten ließ. Als die Frauen das Kopftuch 1978 bei den Protestmärschen anlegten, wollten sie damit nicht für die Einführung eines Gottesstaates demonstrieren. Ihr Ziel war es, sich auch äußerlich gegen die Unterdrückung zu wenden, die sie im Kaiserreich Iran tagtäglich erfuhren. In dieser Hinsicht ist das Kopftuch, das die Iranerinnen trugen, ein politisches Symbol gewesen. Aber nur in dieser und in keiner anderen. Es war ein Symbol gegen die Unterdrückung.

Natürlich manifestierte sich die Unterdrückung der iranischen Frauen dann später im Kopftuch und es ist ebenso richtig, dass Fundamentalisten immer dann, wenn sie die Macht ergreifen, zuerst die Frauen unter ein Kopftuch zwingen. Aber sie tun dies, um die Gesellschaft insgesamt zu verunsichern, wie eine iranische Feministin einmal bemerkte. Wenn die Hälfte der Gesellschaft in Angst und Schrecken lebt, kann sich keine Opposition entwickeln. Damit hat aber das Kopftuch an sich seine Unschuld nicht verloren, es kann Symbol für und auch gegen die Unterdrückung sein. Es ist nicht die Schuld der Frauen, die es tragen wollen, dass es von Männern instrumentalisiert wird. Zumal Männer in der islamischen Welt und überall zur Unterdrückung der Frau kein Kopftuch brauchen – das schaffen sie auch ohne.

Gott ist sicher nicht nur da, wo eine Frau ein Kopftuch trägt. Millionen von Musliminnen tragen es nicht und fühlen sich ihrem Gott trotzdem nahe. Aber um der eigenen Würde willen ein Kopftuch tragen zu wollen, ist das gute Recht auch einer Lehrerin. Und sollte sie versuchen, meiner muslimischen Tochter andere Prinzipien zu vermitteln, als die demokratischen, die ich als nicht kopftuchtragende Muslimin vertrete, würde ich mich zu wehren wissen.

Die Autorin lebt als Islamwissenschaftlerin und Publizistin in Köln.

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