Meinung : Mit Volldampf in die Wahlpleite

Peter Siebenmorgen

Die maßgeblichen Unions-Spitzen beharren auf dem Zeitplan zur Findung ihres Kanzlerkandidaten derart hartnäckig, dass man für einen Augenblick einmal annehmen darf, sie glaubten selbst an die Weisheit ihrer Strategie.

Zwei Argumente vor allem führen Merkel und Stoiber für das Offenhalten der Entscheidung bis zum Frühjahr 2002 an: Die Union soll sich durch Sachfragen profilieren und auf inhaltliche Erneuerung konzentrieren, statt sich verfrüht auf Personen fest zu legen, lautet das erste. Diese Rechnung wird allerdings fast täglich von der Öffentlichkeit und von Parteifreunden durchkreuzt, weil das Publikum sich eben nun einmal besonders für die Personalfragen interessiert. Auch deshalb, weil Personen für Programme stehen. Das Kandidatenpaar Merkel und Stoiber macht da keine Ausnahme. Zeichneten sich die beiden nicht durch unterschiedliche Profile aus, dann könnte man die Entscheidung durch Münzwurf treffen. Kopf oder Zahl machte keinen Unterschied.

Genau so liegen die Dinge aber nicht, was die Unions-Führung mit ihrem zweiten, ungleich wichtigeren Argument ja selbst insgeheim einräumt: Man wolle die Entscheidung so lange wie möglich offen halten, um möglichst zeitnah an der Wahl jenen Kandidaten zu benennen, der in der dann konkret gewordenen Situation die besten Chancen für den Sieg mit sich bringe.

Kopf oder Zahl macht demnach also durchaus einen Unterschied aus. Wie damals im Frühjahr 1998, als die SPD die späte Entscheidung zugunsten von Gerhard Schröder und gegen Oskar Lafontaine traf. Lafontaine hätte vor allem die eigenen Truppen mobilisiert - und damit die des Gegners gleichermaßen; Schröder hingegen stand für die Ansprache neuer Schichten, die früher für die Sozialdemokratie unerreichbar schienen. In dieser Hinsicht, immerhin, ist die Situation der Union heute mit der der SPD im Jahr 1998 vergleichbar. Ansonsten aber ist alles anders: Die SPD hatte zwei starke Kandidaten, die ihren Anspruch lange vor der Entscheidung auch öffentlich erhoben. Die Konkurrenz zwischen Merkel und Stoiber hingegen ist virtuell, da keiner von beiden sich bislang erklärt hat.

Zudem gab es 1998 eine alles überragende Wechselstimmung - 16 Jahre Kohl sind genug -, so dass der Streit der Rivalen nie über den Siegeswillen der Sozialdemokraten dominierte. So gab es auch keine nennenswerten Attraktivitätseinbußen bei denen, die, fast um jeden Preis, einfach einen neuen Kanzler wollten. Davon kann ein knappes Jahr vor der nächsten Bundestagswahl, natürlich, keine Rede sein. Und damit führt das weitere Offenhalten der Entscheidung nicht nur dazu, dass das Publikum mit unverstelltem Blick den unerklärten Krieg um die Kanzlerkandidatur der Union genießen kann. Fataler noch ist, dass beide in Frage kommenden Kandidaten mit jedem Tag des Zögerns wichtige Zeit verlieren, um ihre spezifischen Stärken entfalten und, wichtiger noch, ihre unübersehbaren Defizite abarbeiten zu können.

Wird es am Ende Stoiber, so gilt: Je später, um so eindeutiger würde dies als Signal verstanden, dass die Union nicht mehr auf Sieg setzt, sondern nur auf Zusammenhalt der eigenen Truppe. Sollte schließlich im Frühjahr 2002 Merkel ins Rennen ziehen, so gilt sie in den eigenen Reihen wohl nur noch als zweite Wahl, weil Stoiber ja nicht will.

Sehr unvernünftig erscheint das, hat aber dennoch eine zwingende Rationalität. Beide wollen gern Kanzler sein, fürchten sich aber vor dem Risiko einer erfolglosen Kandidatur, die sie hinter den status quo ante zurückwerfen würde. Wie effektiv diese Landowsky-Logik funktioniert, der die Macht in der eigene Familie wichtiger ist als der Gestaltungsanspruch für das Ganze, konnte man soeben in Berlin besichtigen. Und demnächst auch im Bund - wenn die Union an ihrem Zeitplan festhält.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben