Mithal al Alusi : "Ihr verkauft den Irak"

Der irakische Politiker Mithal al Alusi hat seine Immunität verloren - weil er Israel besuchte und damit ein Tabu brach.

Martin Gehlen

Seit Tagen beherrscht Mithal al Alusi die Schlagzeilen in Bagdad. Im irakischen Parlament kam es wegen des 54-jährigen Politikers zu wüsten Szenen, live übertragen im Fernsehen. „Ihr verkauft den Irak“ beschimpfte al Alusi seine Kritiker und beschuldigte sie, mit dem iranischen Geheimdienst zu kollaborieren. „Ich werde reisen, wohin immer ich will, wenn es im Interesse des Irak ist“, schnauzte er. Am Ende entzogen ihm die anderen Abgeordneten dennoch die Immunität. Jetzt darf al Alusi nicht mehr außer Landes und soll „wegen Besuch eines Feindstaates“ vor Gericht.

Sein angebliches Vergehen: Anfang September reiste al Alusi mit seinem deutschen Pass zum zweiten Male nach Israel. Auf einer Konferenz in Tel Aviv attackierte der aus Falludscha stammende Sunnit – wie so oft – den Iran: „Die Iraner stehen im Zentrum aller Probleme der Region“, sagte er. Jetzt fürchtet er um sein Leben. Die Regierung habe das Gehalt für seine Leibwächter gestrichen. Reisen nach Israel seien ein Tabu im Irak und immer, „wenn man ein Tabu bricht, zahlt man einen hohen Preis“, sagt er.

In jungen Jahren war al Alusi treues Mitglied von Saddam Husseins Baath-Partei bis er sich als Student mit ihr überwarf und nach Deutschland floh. Als politischer Flüchtling verdiente er in Hamburg-Bramfeld sein Geld mit Orientmode. Als im August 2002 ein Rollkommando aus Exilirakern mit Äxten und Gaspistolen bewaffnet in die Botschaft des Diktators in Berlin eindrang, um diese „zu befreien“, ermittelte die Polizei al Alusi als Drahtzieher. Drei Jahre und drei Monate Haft verhängte das Berliner Gericht, das ihm ein „ersichtlich überspanntes Sendungsbewusstsein“ bescheinigte. Nach gut einem Jahr Untersuchungshaft kam er vorläufig frei. Als das Gericht seine Bitte ablehnte, den Meldeauflagen auch in Bagdad nachkommen zu dürfen, reiste er auf eigene Faust aus.

In der irakischen Hauptstadt machte er rasch Karriere: Er stieg zum Vorsitzenden der De-Baathisierungskommission auf, 2005 gelang ihm der Sprung ins Parlament. Privat zahlte er für die Rückkehr in die Heimat einen hohen Preis: Vor drei Jahren erschossen Terroristen seine beiden in Hamburg aufgewachsenen Söhne Ayman, 30, und Gamal, 22, vor seinen Augen. Auch nach Israel wird al Alusi wohl nicht ein weiteres Mal reisen können. Sein deutscher Pass läuft in vier Monaten ab. Und einen neuen bekommt er nicht – denn der Berliner Haftbefehl ist noch in Kraft.Martin Gehlen

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