Mitsprache in der modernen Gesellschaft : Welt ohne Abrissbirne

Der Musiker bei den Philharmonikern, der "Spiegel"-Redakteur, der Lokführer: Jeder ist heute sein eigener Dirigent. Ein Kommentar

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Szene aus Federico Fellinis Film "Orchesterprobe" (1978).
Szene aus Federico Fellinis Film "Orchesterprobe" (1978).Foto: Imago

In der „Orchesterprobe“ von Federico Fellini sitzen die Musiker in einer verlassenen Kirche und proben für einen Konzertabend. Doch zwischen Dirigent und Orchester eskaliert schon bald ein Streit. Die disziplinlose Klarinette will nicht, wie vom Dirigent gefordert, ein paar Takte wiederholen, weil das nicht mit der Gewerkschaft abgesprochen ist; ein anderer Musiker verfolgt lieber in einem kleinen Radio eine Fußballübertragung, statt mitzuspielen. Und überhaupt: Warum können wir nicht selbst entscheiden, was wir spielen wollen? Am Ende donnert eine Abrissbirne durch die Wand – und plötzlich beginnen die erschütterten und eingestaubten Musiker doch miteinander zu spielen.

Fellinis Film von 1978 ist eine etwas plumpe Allegorie – der italienische Staat, der im Chaos der Einzelinteressen fast untergeht, der Staatsführer-Dirigent, der das Volk nicht mehr lenken kann –, die vom politischen Klima im Italien jener Jahre lebt.

Im digitalen Zeitalter ist die Hürde für Mitsprache herabgesetzt

Die Philharmoniker saßen in dieser Woche auch in einer Kirche zusammen, doch anders als in der „Orchesterprobe“ kam dabei nicht mehr als Staub heraus. Das versöhnliche Ende blieb aus, sie konnten sich nicht auf einen Nachfolger für Simon Rattle einigen. Dabei ist die Situation der Berliner Musiker eine andere, eine viel zeitgemäßere: Es ging für sie nicht darum, sich gegen fremde Interessen zu wehren, sondern die eigenen zu erkennen. Das berühmte Orchester ist schließlich, wovon so viele in den 70er Jahren träumten, selbstbestimmt. In diesem Sinn sind die Szenen, die sich am vergangenen Montag mit den Philharmonikern abgespielt haben, eine bessere Allegorie auf die Gegenwart als jene aus dem Film: Anders als damals ist heute jeder sein eigener Dirigent.

Musiker eignen sich gut als gesellschaftliches Spiegelbild, weil sie bei jeder Probe einen fundamentalen Konflikt ausspielen: Sie sind große Individualisten, die aber in der Gemeinschaft etwas noch Größeres erreichen können. Sie müssen sich, um Erfolg zu haben, in eine Gemeinschaft einfügen. Sie müssen einen Ausgleich schaffen. Das ist den Philharmonikern am Montag nicht gelungen. Und sie sind dabei nicht allein: Auch die Mitarbeiter des „Spiegel“, die ebenso selbst darüber entscheiden können, wer Chefredakteur ihres Magazins sein soll, sind lange gescheitert, einen Ausgleich zwischen Einzel- und Gesamtinteressen herzustellen. Sie haben, im Gegenteil, diesen Konflikt voll ausgelebt, indem sie erst einen Dirigenten ausgewählt haben, um sich ihm dann sofort zu widersetzen.

Wie viele Dirigenten verkraftet eine Gemeinschaft?

Partikularinteressen gab es schon immer, sie lassen sich heute jedoch viel leichter identifizieren: Im digitalen Zeitalter ist die Hürde für Mitsprache herabgesetzt, jeder kann seine Meinung sagen und mit einem einzigen Klick mitbestimmen. Deshalb stellt sich die Frage, wer mitbestimmen soll, dramatisch neu. Bei Fellini vertritt die Gewerkschaft die Einzelinteressen der Musiker und beschädigt so die Integrität des Orchesters. Die Kritik an Claus Weselsky und seiner Gewerkschaft der Lokführer, die mit ihrem Streik das Land lahmlegt, klingt ähnlich: Sie haben nicht die Gesamtinteressen im Blick. Die Bundesregierung will die GdL deshalb mit ihrem Gesetz über die Tarifeinheit entmachten: Sie will, dass die Rechte der Arbeitnehmer in immer größeren Einheiten gebündelt werden. Paradoxerweise führt also die Individualisierung und Fragmentierung der Gesellschaft zu immer größeren, wenngleich auch unspezifischeren Interessen-Einheiten: Aus klar abgegrenzten Parteien ist in Deutschland so auch eine immer größere Koalition von kaum noch unterscheidbaren Parteien geworden.

Das Scheitern der Philharmoniker einerseits und die Unzufriedenheit über Erscheinungen wie Einheitsgewerkschaften oder große Koalitionen andererseits zeigen, wie schwierig es heute ist, den Ausgleich zwischen den Einzelinteressen und denen der Gemeinschaft zu organisieren. Bei Fellini hieß die Frage: Wie ertragen die Musiker den Dirigenten? Heute lautet sie: Wie viele Dirigenten verkraftet eine Gemeinschaft?

Vor allem aber zeigt sich im Scheitern der Philharmoniker das Problem, die eigenen Interessen und die des Orchesters überhaupt zu erkennen und abzuwägen. Wie können sie auch wissen, welcher Dirigent in diesen Zeiten für sie der richtige ist? Kein Wunder, dass auch sie am Montag im Meer der Partikularinteressen untergegangen sind. In Fellinis Film wird den Musikern die Entscheidung abgenommen: Wie ein deus ex machina erscheint die Abrissbirne. Den gibt es leider in der Wirklichkeit nicht.

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