Meinung : Mitten im Geflügel

Horst Seehofers erste Grüne Woche: Ist er Bauernlobbyist oder Verbraucherschützer?

Flora Wisdorff

Die rund 20 Hühner, Zwerghühner, Enten und Gänse, die ab Freitag in den Berliner Messehallen auf der Grünen Woche zu sehen sind, werden sich besonderer Aufmerksamkeit erfreuen. Denn die Vogelgrippe überschattet die bedeutendste Agrarschau der Welt. Sie ist auch eine große Herausforderung für den neuen Bundesminister für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, Horst Seehofer (CSU). Er muss sicherstellen, dass die Tierseuche aus Asien nicht nach Deutschland kommt.

Die Vogelgrippe ist aber ein reines Kontrollproblem. Sie ist nicht bei uns entstanden, und unsere Landwirtschaftspolitik kann wenig gegen sie ausrichten. Das eigentliche Thema auf der Grünen Woche und auch für Horst Seehofer ist die Qualität unseres Essens. Fast jedes Jahr gibt es neue Lebensmittelskandale. Vor fünf Jahren war es BSE, 2002 verseuchte das Unkrautvernichtungsmittel Nitrofen Biolebensmittel, und vergangenes Jahr fand man Dioxin in Freilandeiern. Im Herbst gab es – pünktlich zu Seehofers Amtsantritt – den Gammelfleischskandal. Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit warnte jüngst vor Giftstoffen in Paprika, Ostseehering und Erdbeeren.

Ex-Agrarministerin Renate Künast (Grüne) war während der BSE-Krise angetreten und hat gesundes Essen zu ihrem Thema gemacht. Klasse statt Masse war ihr Motto, mit der Agrarwende wollte sie die ökologische Landwirtschaft aus ihrer Nische holen. Zwar hat Künast nicht alle ihre Ziele erreicht. Aber sie hat die gesunde Ernährung zur Priorität gemacht.

Horst Seehofer hat noch nicht viel zu seinem prinzipiellen Kurs gesagt, aber er hat klar erkennen lassen, dass Bauern und Verbraucher für ihn gleich wichtig sind. Immerhin hat er schon ein Gesetz auf den Weg gebracht, das dem Verbraucher neue Informationsrechte sichern soll. Aber die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Bauern will Seehofer genauso sichern. Da kann das eine oder andere Umwelt- oder Tierschutzgesetz schon mal unter den Tisch fallen. Andeutungen über Einsparungen bei der Förderung der ökologischen Landwirtschaft hat er auch schon gemacht.

Ob Seehofer mehr Bauernlobbyist als Verbraucherschützer sein wird, muss sich erst noch zeigen. Es wäre jedoch falsch, wenn er den Weg, den Renate Künast eingeschlagen hat, wieder verlassen würde. Im Einklang mit der Europäischen Kommission hat Künast den großen Strukturwandel, der in den kommenden Jahren in der Landwirtschaft stattfinden wird, eingeleitet. Die Bauern bekommen jetzt kaum noch Geld dafür, dass sie Fleisch- oder Butterberge produzieren. Bis 2013 laufen die Exportsubventionen aus, damit die Entwicklungsländer mehr Lebensmittel in Europa verkaufen können. Weniger mit mehr Qualität sollen die hiesigen Bauern produzieren.

Die Politik muss fördern und kontrollieren, dass alle Lebensmittel gesund sind. Aber der Verbraucher selbst hat die größte Macht, die Qualität der Lebensmittel zu verbessern. Indem er weniger am Essen spart.

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