Mode-Diktat : Jeans machen krank

Die Queen kommt nach Berlin. Ob sie Skinny Jeans dabei hat? Eine Lady in Adelaide hatte solche Jeans sogar an. Unser Kolumnist Helmut Schümann bedauert sie, weil sie danach Infusionen bekommen hat.

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Tagesspiegel-Kolumnist Helmut Schümann.
Tagesspiegel-Kolumnist Helmut Schümann.Karikatur: Tagesspiegel

Ob das der Queen ihr Wetter ist, sei mal dahingestellt. Deshalb lieber schnell in wärmere und trockene Regionen abdriften. Zumal ich mir auch nicht hundertprozentig sicher bin, ob die Queen in ihrem zweifellos umfangreichen Gepäck auch Skinny Jeans dabei hat oder dergleichen nur privat trägt. Ach, Mode, sie kann schon ein ziemliches Diktat sein. Skinny Jeans, das sind jene hautengen Beinkleider, auch Röhrenjeans genannt. Sie sind auf jeden Fall hübscher anzusehen als ihr Gegenteil, die Baggy Jeans. Und wenn solche Skinny Jeans an so einem grausamen, nasskalten Tag durch, sagen wir den Wedding flanieren und ihn quasi als anarchistischen Stern erstrahlen lassen, dann kann das so einen tristen Tag durchaus aufheitern.

Aber wir wollten ja in wärmere Gefilde abdriften, nach Adelaide in Australien, wo die Mode auch ein ziemliches Diktat sein kann. Auch dort, in der ehemaligen Kolonie der Queen, gilt: „beauty knows no pain“, wer schön sein will, muss leiden. Eine 35-jährige Frau wollte schön sein und zwängte sich dieser Tage in Skinny Jeans. Dann half sie einer Verwandten beim Umzug. Um Schränke auszuräumen, begab sie sich in die Hocke. Damit das in Skinny Jeans möglich ist und die ganze Pracht nicht mit einem großen Ritsch und noch größerem Ratsch reißt, stecken in den Skinny Jeans nicht nur Beine, sondern ist auch noch Elastan eingearbeitet. Das ist, ja, ja, schon gut, man muss eben heute alles erklären, eine in den fünfziger Jahren entwickelte dehnbare Chemiefaser.

Als unsere Australierin heimging, sackten ihr die Beine weg. Sie fiel zu Boden, dort lag sie, sie konnte sich nicht mehr aufrichten. Ein Taxifahrer brachte sie ins Krankenhaus. Dort schnitt man der Frau die Skinny-Jeans-Hosenbeine auf. Darunter kamen dick angeschwollene Beine zum Vorschein, weil die Nerven der Unterschenkel beim stundenlangen Hocken durch die Skinny Jeans abgedrückt worden waren. Die Frau musste mehrere Tage im Krankenhaus verbringen und bekam Infusionen. Letztlich aber hatte sie Glück und konnte nach vier Tagen wieder laufen, wahrscheinlich beinfrei. Also, liebe Skinny-Jeans-Trägerinnen, wenn Sie heute der Queen begegnen, machen Sie nur einen leichten Knicks – gehen Sie auf keinen Fall in die Hocke.

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