Meinung : Modern ist nicht nur mutig

„Anhalter Bahnhof – Architektur und Angst“ vom 10. Oktober

„In Berlin ... regiert das Misstrauen, ja die Angst vor der Moderne in der Architektur ...“ schreibt Christiane Peitz.

Dieser Vorwurf dürfte – zumindest

die Älteren unter uns – überraschen. Denn in den Jahrzehnten nach dem Krieg bot sich einer ganzen Generation moderner Architekten und Städteplaner im kriegszerstörten Berlin die Chance, ihre Vorstellungen umzusetzen und jede Menge Mut und „Lust auf Heutiges“ auszuleben – häufig sogar, ohne auf den historischen Stadtgrundriss Rücksicht zu nehmen.

Die Frage ist: Hat das Berlin wirklich gutgetan? Oder könnte es sein, dass

gelegentliches Misstrauen gegenüber allzu viel „mutiger“ Architektur angezeigt, ja geboten ist?

Blicken wir auf die Berliner Nachkriegs-Architektur: Das „Kulturforum“ am Kemperplatz ist – trotz der gelungenen Solitäre Philharmonie und Nationalgalerie – eine architektonisch und stadtplanerisch unattraktive, ja peinliche

Brache. Der Ernst-Reuter-Platz ist öde. Ein Vergleich des Mehringplatzes mit der Vorkriegssituation stimmt melancholisch. Die Liste von Bausünden moderner Nachkriegsarchitektur ließe sich beliebig verlängern.

Bis heute bezieht die Stadt ihre Anziehungskraft – für Berliner ebenso wie für Besucher – in erster Linie aus ihrer glücklicherweise noch vorhandenen Altbausubstanz. Wer nach Berlin zieht, will in einen Altbau – „Neubauwohnung“ ist fast ein Schimpfwort.

Was allerdings in Berlin glücklicherweise an vielen Stellen gut gelungen ist: Altbauten behutsam, mit Geschmack und mit historischer Sensibilität zu modernisieren und zu ergänzen. Hier haben gute Architekten interessante, attraktive Beispiele geschaffen. Deshalb kann ich Christiane Peitz in ihrer Bewunderung für die Reichstagskuppel nur aus vollem Herzen zustimmen. In der Tat – das ist eine vorbildliche Verbindung zwischen Alt und Neu.

Immerhin gab es für die Reichstags-

Renovierung ja auch sehr viel „mutigere“ Planungsvorschläge, die glücklicherweise nicht realisiert wurden (nicht zuletzt von Norman Foster selbst, der von der Idee der Kuppel erst einmal überzeugt werden musste).

Die gewachsene Sensibilität gegenüber überkommener Architektur und dem historischen Stadtgrundriss sollte daher nicht als ängstlich und rückwärtsgewandt denunziert, sondern vielmehr unterstützt werden. Und bei Projekten, die sich einer besonders „mutigen“ Architektur rühmen, sollte man besser zweimal hinschauen.

Folkmar Stoecker, Berlin-Wilmersdorf

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