Meinung : Modernes Denken (4): Die Legende von der reinen Sprache

Peter Bichsel

Wie wird unsere Zukunft aussehen? Welche Chancen, welche Gefahren, welche Antworten gibt es? In einer gemeinsamen Serie mit DeutschlandRadio Berlin unter dem Titel "Modernes Denken" gehen prominente Autoren diesen Fragen nach. Zu hören sind die Beiträge jeweils am Sonntag um 12 Uhr im DeutschlandRadio Berlin (UKW 89,6).

Vor Jahren traf ich in Ägypten einen koptischen Gelehrten. Er hatte eine Etymologie des Arabischen geschrieben, ein Buch über die Herkunft der arabischen Sprache. Dafür saß er Jahre lang im Gefängnis. Die Fundamentalisten hielten sein Buch für Gotteslästerung, weil das Arabische keine Geschichte hat, sondern direkt von Gott kommt.

Wir in unserer Gegend sind etwas aufgeklärter und wissen, dass die deutsche Sprache eine Geschichte hat. In einer Sache aber gleichen wir jenen Fundamentalisten, wir wissen zwar, dass unsere Sprache eine Geschichte hat, aber wir möchten, dass diese Geschichte nicht weitergeführt wird, dass die deutsche Sprache so bleibt wie sie immer war - was sie übrigens nicht immer war.

Ja, ja, das Reinheitsgebot - reines Bier, reiner Salat, reines Fleisch, reine Liebe und selbstverständlich auch reine Sprache - dabei wissen wir ganz genau, dass reine Liebe, ohne Ecken und Kanten, keine Liebe ist - und dass Salat zu schmecken hat, und zwar nicht immer gleich.

Sie heißt zwar die deutsche Sprache, und so soll sie auch weiter heißen, auch wenn sie nie so ganz deutsch war, sie kam von irgendwo her - "Tisch" zum Beispiel, ein biederes deutsches Wort, kommt aus dem Lateinischen, andere aus dem Griechischen, Arabischen, Aramäischen - nein, nicht Fremdwörter, sondern biedere deutsche Wörter.

Sie kommen nicht von Gott, diese Wörter - sie kommen von überall her. "Es gibt nur eine Sprache", hat der Philosoph Franz Rosenzweig einmal gesagt. Es ist die Sprache der Menschen. Und wenn Menschen zusammenkommen, bringen sie Sprache mit.

Ich versuche mir vorzustellen, wie in der Bronzezeit nordafrikanische Kupferhändler sich mit ihren Kunden verständigten. Offensichtlich gelang es ihnen, sonst hätte es gar keine Bronzezeit gegeben. Es gibt nur eine Sprache, die Sprache der Menschen, und wenn sie sich nicht mehr verändert, dann ist sie tot.

Veränderungen aber sind Reaktionen auf äußere Einflüsse. Der gegenwärtige heftige äußere Einfluss auf die Sprache unserer Gegend heißt Englisch. Für Sprachreiniger das feindliche Englisch, das imperialistische - für junge lebendige Menschen das freundliche Englisch, die Sprache der Sehnsucht, die Sprache, die in die Welt führt. Für sie ist das Englische bereits ein Teil der Sprache unserer Gegend geworden. Unsere Sprache ist erweitert worden - und Puristen halten die Erweiterung für eine Verarmung.

Es ist zwar schon eigenartig: Es leben relativ wenige Amerikaner in unserer Gegend und viele Italiener, Türken, Spanier, Jugoslawen und ihre Sprachen haben unsere Sprache nicht erreicht - wie etwa damals im Ruhrgebiet, als das Polnische ins Deutsche kam - Maloche zum Beispiel.

Das Französische war im 19. Jahrhundert auf dem sicheren Weg, Weltsprache zu werden, die Sprache der Diplomaten. Das Französische wäre auch geeigneter gewesen als das Englische - es ist einfacher, präziser und hat viel weniger Wörter als das Englische.

Aber die Franzosen waren nicht bereit, ihre Sprache Verballhornungen, Mühseligkeiten und Verstümmelungen auszusetzen. Wenn Französisch, dann das Echte aus Paris - jedes andere Französisch waren sie nicht bereit zu verstehen.

Ich bin in Amerika vor vielen Jahren ohne Englisch angekommen. Und hie und da tut es mir leid, dass ich es inzwischen kann. Die Amerikaner sind Meister im Umgang mit Leuten, die die Sprache nicht können. Und man kriegt dort schon für die ersten zwei Wörter Komplimente.

Sicher spielt die ehemalige Weltmacht England und die Weltmacht Amerika beim Vormarsch des Englischen eine Rolle. Aber zur Zeit der Engländer war das Französische noch die Weltsprache. Erst die Amerikaner haben ihre Sprache allen zur Verfügung gestellt - auch jenen, die es nie lernen werden.

Sicher ist jede Sprache brauchbar. Aber das Englische hat den Charme der Brauchbarkeit, es drängt sich auf zum Brauchen und Verbrauchen. Und auch ein junger Amerikaner auf Reisen hat sich erst mal einzuhören in das jeweilige Englisch, das am jeweiligen Ort gesprochen wird. Es ist jeweils nicht sein Englisch, sondern ein Englisch. Er ist es auch gewohnt, das Englische immer wieder mangelhaft zu hören, und es macht ihm durchaus Spaß, es trotzdem zu verstehen.

Die Amerikaner sind keine Sprachbewahrer, vor allem auch deshalb ist ihre Sprache prädestiniert zur Weltsprache. Ihre dauernde Veränderungsfähigkeit macht sie lebendig und befähigt sie auch, sich mit anderen Sprachen zu vermischen. Englisch ist eine Sprache, die sich zur Verfügung stellt. Eigentlich ist sie schon da, bevor man sie benutzt. Und ihre Benutzung ist selbstverständlich. Das Englische versucht der Sprache unserer Gegend wieder Leben einzuhauchen.

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