Meinung : Modernes Denken (8): Das Tier mit dem geistigen Auge

Karl Lehmann

Wie wird unsere Zukunft aussehen? Welche Chancen, welche Gefahren, welche Antworten gibt es? In einer gemeinsamen Serie mit DeutschlandRadio Berlin unter dem Titel "Modernes Denken" gehen prominente Autoren diesen Fragen nach. Zu hören sind die Beiträge jeweils am Sonntag um 12 Uhr im DeutschlandRadio Berlin (UKW 89,6).

Bei der Frage "Wozu noch Religion?", denke ich sofort: Ist die Frage richtig gestellt? Sie spielt ja mit der Vorstellung, man könnte Religion auch abschaffen. Fragen mit "Wozu?" kann ich stellen, wenn ich eine Sache durch etwas Besseres ersetzt habe, aber ich kann nicht fragen "Wozu noch atmen?", ohne mich selbst aufzuheben.

Religiöse Fragen stellen sich von selber, sie gehören einfach zum Menschen. Biologen und Verhaltensforscher sagen uns, dass die Gattung "Mensch" die einzige ist, die ein "geistiges Auge" hat. Nur Menschen können sich Realitäten vorstellen, die aktuell nicht gegeben sind. Diese Fähigkeit, die Wirklichkeit, wie sie ist, mit der Wirklichkeit, wie sie vielleicht einmal sein wird, sein könnte oder sollte, zu vergleichen und daraus Konsequenzen zu ziehen, macht den Menschen zum Erfinder und Gestalter seiner Umwelt.

Der Mensch ist auch das einzige Lebewesen, das weiß, dass es endlich ist. Was wird mit uns sein, wenn wir gestorben sind? Wird unser Leben einen Sinn gehabt haben? Diese Frage stellt sich nicht erst fünf Minuten vor Zwölf, sie schlägt gerade für die intelligenten und nachdenklichen Menschen zurück auf ihr reales Leben. Die Antwort der Bibel auf die Frage nach dem Sinn des Lebens ist das große Ja, das auch die Begrenztheit unserer Lebenszeit überstrahlt.

Wenn wir das einzige Lebewesen sind, das nach dem Sinn des Lebens und nach der Endlichkeit sowie ihrer Überwindung fragen kann und all dieses Suchen ginge ins Leere, alle Hoffnungen auf eine Zukunft jenseits des Todes wären Illusion, dann wären wir eine Missgeburt der Evolution. Ein Lebewesen, das nicht anders kann als sich unerfüllbare Illusionen zu machen, wäre gleichsam falsch programmiert. Dann müsste ich eigentlich zu mir selber nein sagen. Es gibt jedoch noch eine Alternative. Wenn ich grundlegend ja zu mir sage, dann sage ich ja zu meiner physischen Wirklichkeit, ich sage auch zu meinen Hoffnungen ja. Wir Christen sprechen uns dieses Ja gegenseitig zu.

Aber geht nicht der Einfluss der Kirche zurück? Karl Marx behauptete, dass die Religion nur Kompensation des menschlichen Leids sei. Er meinte, wenn man das Elend abschafft, dann stirbt die Religion von selber ab. Marx, Feuerbach, Freud und alle, die einen psychischen Mechanismus beschreiben, der erklären soll, wie Religion funktioniert, mögen ein Teil der Wirklichkeit treffen. Aber die Frage, ob die Religion wahr ist, hat nichts damit zu tun, ob die Religion mir nützt oder schadet. Natürlich tröstet die Religion, natürlich gibt sie Halt in schweren Notlagen. Deshalb sind in Notzeiten die Kirchen voll und leeren sich, wenn sich die Menschen mit vielen vermeintlichen Glückseligkeiten ablenken können. Aber es wird keinem Menschen gelingen, die wirklich wichtigen Fragen des Lebens vollständig abzuräumen. Sie werden ihn irgendwann einholen. Deshalb bin ich auch nicht erstaunt, dass uns die Soziologen sagen, dass die Säkularisierungsthese, nach der die Religion in der Moderne mehr und mehr verschwindet, sich nicht bestätigen lässt.

Auch bei uns sind die Menschen nicht religionslos, aber es gibt einen Kult des Individuums: "Das muss jeder für sich selbst entscheiden" ist ein richtiger Satz, der mitten in die christliche Tradition gehört. Es ist ja das Gewissen jedes einzelnen Menschen, das sich vor die Wahl gestellt sieht, auf das große göttliche Ja zustimmend oder ablehnend zu antworten. Der Begriff von der Würde der einzelnen Person, von ihrem Gewissen und von ihrer Freiheit ist ursprüngliches biblisches Erbe. Das ist aber nur die eine Seite unseres Menschenbilds. Zu ihm gehört auch, dass der Mensch auf Gemeinschaft angelegt ist. Erfüllung findet der Mensch nur dort.

Die Kirche ist eine besondere Gemeinschaft. Sie hat sich unter den ungeheuren Anspruch gestellt, so etwas wie Platzhalterin und Zeichengeberin Gottes zu sein. Warum es aber gerade jetzt höchste Zeit ist, von Gott zu reden, hat noch einen besonderen Grund: In einer Zeit, in der das ökonomische Denken in alle Lebensbereiche übergreift, wird die Frage "Gibt es überhaupt noch ein Außerhalb des großen ökonomischen Nutzenkalküls?" zur Überlebensfrage für uns alle. Da ist die biblische Aufklärung, die die vielen "nützlichen" Gottheiten des Polytheismus verabschiedet hat zu Gunsten eines Gottes, der gerade nicht ein Produkt unserer Bedürfnisse und Wünsche ist, hochaktuell. Die Antwort unseres, des biblischen Gottes auf die Frage "Was bringt mir das?" ist die Aufforderung, die Antwort am Ende Gott und seinem großen Ja zu überlassen.

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