Meinung : Modernes Denken (Teil 1): Weniger sind mehr

Wie wird unsere Zukunft aussehen? Welche Chancen

Wie wird unsere Zukunft aussehen? Welche Chancen, welche Gefahren, welche Antworten gibt es? In einer gemeinsamen Serie mit DeutschlandRadio Berlin unter dem Titel "Modernes Denken" gehen prominente Autoren diesen Fragen nach. Zu hören sind die Beiträge jeweils am Sonntag um 12 Uhr im DeutschlandRadio Berlin (UKW 89,6).

Man braucht wenig mehr als das Einmaleins, um abzuschätzen, dass die Menschheit noch in diesem Jahrhundert die Acht-, vielleicht sogar die Zehn-Milliarden-Grenze überschreiten könnte. Macht man sich zudem bewusst, dass nahezu alle globalen Probleme die Konsequenz dieser wachsenden Menschenpopulation und ihrer noch rascher wachsenden Ressourcenansprüche sind, so kann man sich der Frage nicht entziehen, wohin das - schlimmsten- oder günstigstenfalls - führen wird, und wo die Menschheit die Grenzen ihrer quantitativen Entwicklung finden könnte.

Denn nichts, was zehn Milliarden Menschen mit mehr als zehntausendfach gesteigerten Ressourcenansprüchen zu tun vermögen, ist für die Biosphäre völlig harmlos!

Der nüchterne Blick auf diese Tatsachen führt allerdings leicht zu einer panikhaften Rhetorik, in der die Entfaltung der Kulturmenschheit fast mit der Massenvermehrung einer Schädlingspopulation verglichen wird, was aber grotesk verkennt, dass die Kulturevolution der Menschheit schließlich die großartigste Fortentwicklung einer Milliarden Jahre dauernden natürlich-schöpferischen Evolution ist. Vor allem aber kann der Blick auf die unbestreitbaren Probleme, die mit dem finalen Globalisierungserfolg der Menschheit verbunden sind, dazu verleiten, die Geburt von Menschenkindern wie Schadensereignisse zu betrachten, während wir uns doch immer bewusst bleiben sollten, dass Kinder - hier wie überall, jetzt wie immer - das wertvollste Gut sind, das jeder Menschengeneration geschenkt wird. Freilich in angemessener, weder zu kleiner noch zu großer Anzahl. Schon heute - wie viel mehr bei weiterem Bevölkerungsanstieg der Menschheit auf vielleicht bis zehn Milliarden - ist also ein doppeltes, zudem widersprüchliches Ziel weltweiter Bevölkerungspolitik anzustreben: Ein Fünftel der Menschheit braucht dringend mehr, vier Fünftel brauchen dringend weniger Nachkommen - aber alle brauchen sie genügend Nachkommen, um der gesamten Menschheit einen langsam gleitenden, sozial und politisch beherrschbaren Übergang von einem Wachstumspfad zu einem Stabilisierungszustand und - voraussichtlich in einigen Jahrhunderten - zu langsamem Absinken auf eine auf viele Jahrtausende hinweg nachhaltig erhaltungsfähige Populationsgröße zu ermöglichen.

Worin werden die Probleme dieser Übergangsperiode wie der drohenden Überbevölkerung im Wesentlichen bestehen?

Bei weiterwachsenden Kopfzahlen und noch rascher wachsenden Pro-Kopf-Ressourcenansprüchen werden nicht nur die wichtigsten lebensnotwendigen Ressourcen - also Energie, Trinkwasser, Nahrung, Rohstoffe - knapper und ihre Gewinnung aufwendiger; auch die Aufnahmefähigkeit der Umwelt für die Abfälle unserer Produktions- und Lebensweise wird uns immer engere Grenzen ziehen.

Die Menschheit wird trotz aller Forschungs- und Entwicklungserfolge auch künftig von der Produktivität ihrer natürlichen Lebenspartner abhängen. Doch wird sie zusammen mit ihnen auch immer erneut und wohl auch immer mehr unter dem Evolutionsdruck sich selbst innovativ fortentwickelnder Krankheitserreger und Parasiten zu leiden haben, denen in dicht gedrängt besiedelten Lebensräumen mit global lebhaftem Personen- und Güterverkehr Seuchenzüge besonders leicht gemacht werden.

Die unvermeidlichen demographischen Veränderungen der Menschheit, nämlich immer mehr alte, versorgungsbedürftige, oftmals auch kranke Menschen, die von immer weniger jungen Menschen durch deren Arbeitsleistungen mitversorgt werden müssen, werden künftig die Sozialversorgungssysteme aller Nationen, so wie heute schon in wachsendem Maß jene der hochentwickelten Länder, schwer belasten.

Dies erfordert notwendigerweise eine entsprechende Steigerung wirtschaftlicher Pro-Kopf-Produktivität (bei gleichzeitiger Steigerung der notwendigen Ressourceneffizienz sicher eine besonders schwierige Aufgabe!). Da bei schwindendem Bevölkerungsanteil an jungen Menschen im Zuge der unverzichtbaren Begrenzung des weltweiten Bevölkerungszuwachses gerade der innovative, jugendliche Zustrom an Menschen geringer wird, müssen sich die Bildungs- und Ausbildungssysteme aller Nationen darauf einstellen, alle Talentenressourcen aktivieren und zugleich offen für den Zustrom von aktiven Menschen aus Ländern sein, in denen der Bevölkerungszuwachs noch länger anhält. Dies erfordert gewaltige Integrationsleistungen für Migrationsströme großen Ausmaßes.

Fasst man zusammen, so ergibt sich langfristig, dass die Menschheit, um auf einen nachhaltigen Entwicklungspfad einzuschwenken, der ihr ein andauerndes Überleben sichert, auf nichts mehr setzen muss als auf Ausschöpfung ihrer kulturellen und geistigen Kräfte, auf Bildung und Erziehung, auf Förderung von kreativer Freiheit, die die Voraussetzung von Forschungs- und Erfindungserfolgen ist, und auf die Gewährung von Entwicklungschancen für möglichst viele, vor allem junge Menschen. Denn gerade in Zeiten drohender Übervölkerung und der Notwendigkeit aktiver Bevölkerungskontrolle kommt es auf nichts so sehr an wie auf den Nachwuchs an Menschen, die diesen Herausforderungen gewachsen sind.

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