Meinung : Modernes Denken (Teil 2): Und Gott schuf ... - nicht der Mensch

Margot Käßmann

Wie wird unsere Zukunft aussehen? Welche Chancen, welche Gefahren, welche Antworten gibt es? In einer gemeinsamen Serie mit DeutschlandRadio Berlin unter dem Titel "Modernes Denken" gehen prominente Autoren diesen Fragen nach. Zu hören sind die Beiträge jeweils am Sonntag um 12 Uhr im DeutschlandRadio Berlin (UKW 89,6).

Die Würde des Menschen ist unantastbar. Aus christlicher Perspektive begründet sich dieser Verfassungsgrundsatz aus der Rede von der Ebenbildlichkeit des Menschen mit dem Schöpfer. Im Schöpfungsbericht heißt es: "Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn." Gottebenbildlichkeit ist für Christinnen und Christen von zentraler Bedeutung. Jesus hat sie bestätigt, indem er in jedem Menschen Gottes Ebenbild gesehen hat, sei er krank, aus dem Ausland und noch dazu eine Frau, sei er reich und begabt oder gesellschaftlich verfemt.

Die Gottebenbildlichkeit und damit die Menschenwürde sind dem Menschen von Anfang an zugesprochen und unverlierbar. "Dem werdenden Leben kommt schon in seiner frühesten Phase Würde zu, weil hier ein Mensch vollständig angelegt ist. Deshalb lehnen wir alle Praktiken ab, die den Embryo als ein beliebig manipulierbares Objekt behandeln", heißt es in einer Stellungnahme der Bischofskonferenz der lutherischen Kirchen in Deutschland. Das hat Konsequenzen für so genanntes therapeutisches Klonen, das eine verbrauchende Embryonenforschung umschreibt. Hier werden Embryonen benutzt, um der Therapie anderer Menschen willen. Nach christlicher Ethik aber dürfen Embryonen nicht erzeugt werden, um sie als Material zu gebrauchen und damit zu töten. Sie wären sonst Mittel zum Zweck; das kann auch die Rede von "Zellklumpen" nicht verschleiern.

Die in diesen Tagen viel diskutierte Präimplantationsdiagnostik wird von den christlichen Kirchen äußerst kritisch gesehen. Dabei ist wohl bewusst, dass viele sich von ihr die Vermeidung von Leiden versprechen, indem schon im Reagenzglas die Weitergabe eines Gendefektes kontrolliert werde. Auch wird erklärt, Abtreibungen könnten so verhindert werden. Gleichzeitig ist mit der Präimplantationsdiagnostik aber ein unwiderruflicher Einstieg in Selektionsmechanismen, in das so genannte "Designerbaby", gegeben.

Wer entscheidet über lebenswertes und lebensunwertes Leben? Wie soll verhindert werden, dass Behinderung in unserer Gesellschaft zunehmend als vermeidbar angesehen wird? Wer will die Grenzen ziehen? Solche Fragen können nicht einfach mit dem Vorwurf abgetan werden, dies seien die "üblichen Beißreflexe von Politikern, Bioethikern und Theologen". Aufgrund des möglichen Missbrauchs halte ich eine Anwendung von Präimplantationsdiagnostik für nicht vertretbar.

Die Menschenwürde ist unverlierbar, das heißt, auch ein Mensch mit Behinderungen, auch der Sterbende hat diese Würde. Nicht Einwilligungsfähigkeit oder Verstand entscheiden darüber, sondern eben jene Ebenbildlichkeit mit Gott. Leiden, Sterben und Auferstehung Jesu geben Christinnen und Christen erst den Mut, dem eigenen Leiden und Sterben nicht auszuweichen.

"Wenn eines ihrer Kinder stirbt", sagte ein Journalist, "würden sie es dann nicht auch klonen lassen?" "Nein", habe ich geantwortet. "Klonen ist nicht Unsterblichkeit." Vielmehr ist jeder Mensch ein Individuum, unverwechselbar, einzigartig. Jeder Mensch ist von Gott gehalten, erkannt schon im Mutterleib und geborgen über den Tod hinaus.

Dabei haben Christinnen und Christen ein sehr realistisches Menschenbild. Der Mensch ist nicht Gott, auch wenn er gern Gott wäre. So wird als jüngstes Beispiel im Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" der Gentechnologe McKay zitiert: "Wir sind besser als Gott." Christinnen und Christen wissen, dass Menschen verführbar sind seit der Geschichte von Adam und Eva. Wir kennen ihre Neigung zur Gewalt seit der Erzählung von Kain und Abel. Und wir hoffen auf die Veränderbarkeit des Menschen, seit aus dem Totschläger Moses ein religiöser Führer wurde und Saulus sich zum Paulus verwandelte.

Das realistische Menschenbild ändert nichts an der Tatsache, dass die Unantastbarkeit des Lebens mit der Verschmelzung von Samen- und Eizelle beginnt und erst mit dem Tod endet.

Übrigens: Die genannten Grundüberzeugungen bedeuten nicht Forschungsfeindlichkeit. Warum profiliert sich der Wissenschaftsstandort Deutschland nicht durch bahnbrechende Forschungsergebnisse mit Blick auf adulte Stammzellen? Es gibt die Möglichkeit, statt aktiver Sterbehilfe wie in den Niederlanden, sich deutlich zu positionieren etwa mit Blick auf Hospizbewegung, Palliativmedizin und Patientenverfügungen, somit passive Sterbehilfe. In beiden Bereichen gibt es christlicherseits keine Bedenken.

Vielleicht liegt die Stärke der christlichen Argumentation heute gerade darin, dass sie Tod und Sterben nicht negieren muss, um für die Würde des Menschen einzutreten.

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