MÖGLICHER BROWN-NACHFOLGER : Alan Johnson: „Ich will nicht an die Spitze“

Im britischen Kabinett ist er die Person mit den wenigsten Feinden. All das macht Alan Johnson zum idealen Nachfolger von Premier Brown - sollte dieser zurücktreten.

Matthias Thibaut
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Foto: dpa

Alan Johnson hat in Fülle, was Gordon Brown fehlt: Charme, eine silberweiße Elvis-Presley-Locke und ein glaubwürdiges Lächeln. Und wenn er im silbergrauen Anzug auf der Regierungsbank sitzt, sieht man, dass er einer der am besten gekleideten Labourpolitiker ist. Nicht nur ältere Damen schwärmen für den jovialen 58-Jährigen; auch im britischen Kabinett ist er die Person mit den wenigsten Feinden. All das macht ihn zum idealen Nachfolger von Premier Brown – sollte dieser sich zum Rücktritt entschließen oder von seiner Partei gefeuert werden.

Johnson ist der ideale Kompromisskandidat, allein schon weil er Ambitionen und Ehrgeiz immer kategorisch bestreitet: Er habe als Gesundheitsminister den Zenit seines Ehrgeizes erreicht, sagt er. So wie er, als er 2007 für das Amt des Labour-Vizechefs kandidierte, versicherte, Vize sei alles, was zu sein er begehre. Oder 1993, als er Generalsekretär der Postlergewerkschaft CWU wurde und steif und fest behauptete, nun sei sein Karrieretraum erfüllt. An ihm ist zudem alles authentisch Labour: Der Vater, ein Anstreicher, ließ die Familie sitzen, die Mutter, eine Putzfrau, starb, als Johnson zwölf Jahre alt war. Mit seiner älteren Schwester lebte er allein in einer Sozialwohnung. Weil er klug war, bekam er einen Platz am Gymnasium, ging aber ab und begann, im Supermarkt Regale einzuräumen. Weil es keine Mittagspause gab, wurde er militanter Gewerkschafter. Mit 18 war er verheiratet, hatte zwei Kinder und ging dort hin, wo es Mittagspause, Rente, und eine starke Gewerkschaftsorganisation gab: zur Post.

Wenige Labourpolitiker haben die Fallstricke der jahrelangen Blair-Brown-Fehden in der Labourpartei so gut bewältigt, wie der Postler Johnson. Er trat möglichst wenig in Erscheinung und erwarb sich so den Ruf einer „sicheren Hand“. Als 2005 der Bürgerkrieg in der Labourpartei auszubrechen drohte, wurde er als möglicher „Gegen-Brown“ aufgebaut – natürlich ganz ohne sein Zutun. Sobald klar war, dass an Gordon Brown kein Weg vorbeiführen würde, tauchte er als Loyalist wieder auf.

Jüngst setzte sich Johnson für eine Wahlrechtsreform ein und signalisierte damit – ohne Brown anzugreifen –, dass er sich als Führer einer neuen progressiven Allianz mit den Liberaldemokraten bereithält. Denn das Beste, was sich ein Premier und Labour-Chef Johnson bei der nächsten Wahl erhoffen könnte, wäre ein Patt im Parlament. Genau das Richtige für einen so geschmeidigen Taktiker. Matthias Thibaut

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