Meinung : Möllemanns Rückkehr Von Antje Sirleschtov

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Frau Merkel, Sie reden mittlerweile wie Herr Schröder und Sie handeln auch so.“ Es sind Sätze wie diese, die sich – ausgesprochen während der gestrigen Generaldebatte des Bundestages – wie schmerzhafte Pfeile in die Herzen der Unionsanhänger bohren. Und die Guido Westerwelle in diesen Tagen zum interessantesten Akteur auf der politischen Bühne der Opposition machen. Auch, wenn mancher glauben mag, es sei ja im Prinzip wurscht, was ein FDP-Chef zur Politik der Kanzlerin meint. Schließlich leben wir in Zeiten einer großen Koalition, da sind die drei kleinen Fraktionen bekanntlich von eher untergeordnetem machtpolitischen Rang.

Doch steht die Zeit nicht still, schon gar nicht das Barometer, auf dem ganz regelmäßig die politischen Präferenzen der Wähler gemessen werden. Westerwelles FDP festigt darauf gerade ihre Position zwischen 10 und auch schon mal 14 Prozent, mit steigender Tendenz. Und der Vorsitzende selbst tourt mit schöner Regelmäßigkeit durch die Konferenzen des liberalen Wirtschaftsrates der CDU. Politisch gereift als unumstrittener Kopf der Liberalen, wiederholt Westerwelle seine anklagenden Thesen von den Steuer-Abkassierern in der Regierung, den Disziplinlosen in der Verteidigungspolitik und den Führungsschwachen direkt im Kanzleramt. Wie ein Schwimmer, der beharrlich Tag für Tag – die nächste Meisterschaft vor Augen – Bahn um Bahn zieht, nutzt Westerwelle seit der Bundestagswahl seine Chancen. Und zwar überall dort, wo sie ihm von einer Union geboten werden, die in der Regierungsverantwortung einer großen Koalition mit der SPD verunsichert und zerrissen nach politischen Klammern und natürlich nach Führung sucht. Ist das der zweite Versuch, die FDP zur Partei für das ganze Volk zu formen, mit der Projektvision „18“ des Jürgen W. Möllemann im Hintergrund?

Nun sind Umfragewerte noch keine Wahlergebnisse. Und weder in Berlin noch in Mecklenburg-Vorpommern steht die FDP vor einer Regierungsbeteiligung. Westerwelles Werbefeldzüge im Unionslager können dennoch erfolgreich sein. Denn so unterschiedlich, wie die Liberalen zwischen ihren eher traditionellen und den wirtschaftsliberalen Flügeln sind, so viele Anknüpfungspunkte bieten sie für enttäuschte Unionswähler. Und anders als bei Kanzler Schröders SPD müssen die Abtrünnigen der Union im Zweifelsfall noch nicht mal eine neue Partei gründen.

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