Meinung : Mörder als Popfiguren

Wir brauchen eine Ausstellung, die die RAF entmythisiert

Werner van Bebber

Politiker fast aller Parteien erregen sich über eine Ausstellung, die es noch nicht gibt. Sie verdammen ein Vorhaben, dessen Konzept noch unbekannt ist. Sie verlangen, dass der Staat diese in Berlin geplante Ausstellung über die Rote Armee Fraktion (RAF) nicht mitfinanzieren dürfe. Das alles hat nichts mit der schnellen Erregbarkeit der politischen Klasse über Fragen von Politik und Moral zu tun. Der Grund liegt in unserem Umgang mit den Terroristen der RAF.

Es hat in Deutschland zuletzt zwei Ebenen der Auseinandersetzung mit der RAF gegeben. Die eine war die politisch-historische. In diesem Streit ging es um einen Staat, der sich bedroht sah, dessen Repräsentanten lange Jahre um ihr Leben fürchten mussten, weil sich ihre Namen auf den Listen der Attentäter der RAF befanden. In der politischen Diskussion um die RAF ging es von Anfang an auch um die Motive von Baader, Meinhof, Ensslin und Co., um das, was man – allerdings nur mit unendlich viel gutem Willen – als „Restidealismus“ bezeichnen konnte. Diese Diskussion hat die RAF von ihrem Anfang bis zu ihrem Ende und darüber hinaus begleitet. Es war immer eine Diskussion, an der nicht nur Politiker beteiligt waren, sondern auch Schriftsteller und Dichter. Unter den Intellektuellen und Politikern gab es immer einige, die den Terroristen diesen Restidealismus zusprachen.

Die zweite Ebene der Befassung mit der RAF gibt es noch nicht lange. Auf dieser Ebene sind aus der Mörderbande Popfiguren geworden. Junge Leute ziehen RAF-T-Shirts an, Modemagazine drucken Fotoserien mit Models, die Andreas Baader ähnlich sehen. Es ist auch die Ebene oberflächlicher Filmchen, die das Wirken eines wirren Polit-Attentäters verklären. Und es ist schließlich die Ebene, auf der gewisse Pop-Literaten ihre Langeweile der endenden neunziger Jahre an den existenziellen Herausforderungen von Krieg und Terrorismus messen.

T-Shirts mit dem Stern

Man findet viel Dummheit auf dieser Ebene, viel Oberflächlichkeit, aber die Mediengesellschaft hat ihr besonders viel Licht gespendet. Vielleicht ist das unvermeidlich, wenn die Trennlinie zwischen Politik und Pop, zwischen Information und Meinung, zwischen Debatte und Talk sehr durchlässig geworden sind. Auch Che Guevara und Angela Davis waren mal Popfiguren – und wen hat Andy Warhol nicht alles idolisiert?

Sicher ist: Die zweite Ebene der Debatte hat die erste überlagert. Wir haben das Unernste der T-Shirt-Mode und Terroristenkostümfilme, das Gefasel literarischer PseudoExistenzialisten interessanter gefunden als, zum Beispiel die Frage, ob die Motive der RAF-Mitglieder für den Weg in den Wahn überhaupt nachvollziehbar waren – eine Frage, die man sich in Anbetracht der Sprache ihrer Manifeste durchaus stellen könnte. Eigentlich merkwürdig, dass kein Politiker sich wirklich empört hat, als vor ein paar Jahren die T-Shirts mit dem fünfzackigen Stern in Mode kamen . Es war immerhin das Outfit von Leuten, die über Leichen gingen, es symbolisierte die Nähe zu politischen Killern.

Es gibt Anlässe und Gründe genug für eine Auseinandersetzung mit der RAF, mit ihrer Historisierung und mit ihrer Verklärung. Das haben vor Monaten schon die Ausstellungsmacher von den „Kunst-Werken“ erkannt – und in der Erkenntnis den ersten Fehler gemacht. Mag sein, dass sie schon genau wussten, welche künstlerischen Reflexe auf die RAF besonders deutlich zeigen würden, dass da ein eigenartig verfärbter Mythos entstanden ist, der dringend seziert werden muss. Jedenfalls haben sie nicht daran gedacht, dass es Menschen gibt, deren Leben noch immer bestimmt ist von ganz realen Morden ganz realer Polit-Attentäter.

Jetzt haben die Organisatoren begriffen, dass diese Leute empfindlich, vielleicht sogar überempfindlich reagieren, und wollen die Angehörigen der RAF-Opfer in die Konzeption der Schau einbeziehen. Damit ist eine Bedingung dafür erfüllt, dass die Ausstellung mit Staatsgeld – immerhin 100 000 Euro aus dem Hauptstadtkulturfonds – gefördert wird. Die zweite Bedingung besteht in einem Konzept, das ein Versprechen einlöst: Die Initiatoren haben angekündigt, sie wollten die RAF „demontieren und entmythologisieren“. Man kann gespannt darauf sein, wie das gehen soll. Denn gerade das ist dringend nötig.

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