Meinung : Mogeln gilt nicht

Ethisch saubere Wege zu Stammzellen existieren nicht

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Alexander S. Kekulé Im Gegacker um die Vogelgrippe sind dieser Tage zwei Erfindungen untergegangen, die in den USA als Durchbruch in der Stammzelldebatte gefeiert werden. Die Teams um Rudi Jaenisch vom Whitehead Institute in Cambridge und Bob Lanza von der USFirma Advanced Cell Technology kreierten embryonale Stammzellen, ohne dafür lebensfähige Embryonen zu zerstören. Die erst einmal an Mäusen erprobten Verfahren könnten, so meinen ihre Erfinder, demnächst das ethische Dilemma um die menschlichen Stammzellen mit einem Schlag lösen. Bisherige Kritiker der Stammzellforschung, vom Vorsitzenden des Nationalen Katholischen Bioethikzentrums der USA bis zu erzkonservativen Beratern des Präsidenten, spenden frenetischen Beifall – der gordische Knoten, in den sich die Debatte seit Jahren verstrickt hatte, sei endlich gelöst.

Embryonale Stammzellen gelten als künftige Wundermittel der Medizin, weil sich daraus im Prinzip beliebige Gewebe und Organe des Körpers züchten lassen. Dadurch könnten Volkskrankheiten wie Diabetes, Parkinson und Herzinfarkt eines Tages heilbar werden. Jedoch muss zu ihrer Gewinnung ein etwa fünf Tage alter menschlicher Embryo – eine so genannte „Blastozyste“ – zerstört werden. Hier liegt der ethische Konfliktpunkt: Die einen sehen darin nicht mehr als einen mit Stammzellen gefüllten, stecknadelkopfgroßen Zellhaufen. Für die anderen ist die Blastozyste bereits ein Mensch, dessen Leben auch nicht für die Rettung Schwerkranker geopfert werden darf.

Die Gegner der Stammzellforschung haben ihre Argumente der seit den 70er Jahren geführten Debatte um die Abtreibung entlehnt: Blastozysten im Labor hätten volle Menschenwürde, weil daraus nach Einpflanzung in die Gebärmutter einer Frau potenziell ein Mensch entstehen könnte. Es bestehe somit eine unteilbare Kontinuität zwischen der Blastozyste und dem späteren Menschen. Aufgrund dieser Prinzipien von „Potenzialität“ und „Kontinuität“ besitze bereits die Blastozyste Menschenwürde.

Jaenisch und Lanza halten davon wenig, beide gelten als Befürworter der embryonalen Stammzellforschung. Doch fließen im von Bush regierten Amerika keine staatlichen Mittel für die embryonale Stammzellforschung. Deshalb sannen die Forscher nach Auswegen aus dem ethischen Problem ihrer Kritiker – und kamen auf zwei ziemlich bauernschlaue Lösungen.

Der Exildeutsche Jaenisch ging die Sache philosophisch an: Wenn die Stammzellgegner die Menschenwürde aus Potenzialität und Kontinuität herleiten, darf eine Blastozyste ohne diese Merkmale logischerweise zerstört werden. Also schaltete er kurzerhand (zunächst bei Mäusen) ein Gen aus, das für die Einnistung des frühen Embryos in die Gebärmutter notwendig ist. So manipulierte Körperzellen verschmolz er mit einer Eizelle, aus der vorher die eigene Erbinformation entfernt wurde. Durch dieses Verfahren (eine Modifikation des „therapeutischen Klonens“) entstanden perfekte Blastozysten, die jedoch nach Einpflanzung in eine Mäusemutter lebensunfähig waren – voilà, ethisches Problem gelöst!

Einfacher machte es sich der kommerzielle Klonforscher Lanza. Er entnahm einem sehr frühen Mäuseembryo eine von insgesamt acht Zellen und züchtete daraus Stammzellen. Bei Anwendung des Verfahrens auf den Menschen werde kein Leben zerstört, so das haarspalterische Argument, da ja die anderen sieben Zellen zu einem ganz normalen Kind heranwachsen könnten. Die unfreiwillige Organspende sei vertretbar, zumal auch für die in den USA erlaubte Präimplantationsdiagnostik eine Zelle entnommen und zerstört wird.

Die politisch motivierten Experimente sind kein ethischer Durchbruch, sondern skurrile Irrwege. Lanzas Embryonen können zu der – für sie lebensgefährlichen – Zellentnahme kein Einverständnis geben. Davon abgesehen ist nicht ausgeschlossen, dass die entnommene achte Zelle zu einem eineiigen Zwilling heranwachsen könnte. Jaenisch stellt einen künstlichen Embryo mit Erbschaden her. Weil dieser Krüppel ohnehin nicht lebensfähig sei, soll man ihn zur Forschung verwerten dürfen?

Der Knoten des Gordios ging entzwei, weil Alexander der Große sich nicht an die Spielregeln hielt. Bei der Beantwortung der drängenden bioethischen Fragen darf jedoch nicht gemogelt werden.

Der Autor ist Institutsdirektor und Professor für Medizinische Mikrobiologie in Halle. Foto: J. Peyer

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