Mon BERLIN : 105 Jahre – ein Wunder!

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Sie wurde 105 Jahre alt und besaß einen wunderbaren Namen: Anna Aufderheide. Ein Name in der Farbe von Heidekraut und von weiten Sommerhimmeln. Ich bin ihr ein einziges Mal begegnet. Ein Nachmittag nur, kurz und anregend. 105 Jahre … Diese erstaunliche Zahl war Grund genug, ihre Einladung anzunehmen und sie in ihrem Altersheim in Lichterfelde zu besuchen, wo sie noch nicht lange lebte. Die Aussicht, ein gewaltiges Naturereignis aus der Nähe zu sehen, schüchterte mich fast etwas ein. Die Floristin hatte mir einen Strauß in sehr lebhaften, fast grellen Farben empfohlen: „In dem Alter rate ich von Blassrosa und Weiß ab. Sicher erkennt sie nichts mehr!“

Daran dachte ich, als ich vorsichtig ihre Zimmertür öffnete. Eine frische Stimme – eher die eines unbekümmerten jungen Mädchens – hatte mich zum Eintreten aufgefordert. „Bin schon unterwegs!“, rief sie, als sie ihren Rollstuhl in Bewegung setzte, um mir entgegenzukommen. Aufrecht saß sie da, auf den Lippen ein breites Lächeln, in den Augen eine unglaubliche Vitalität. Ich brauchte nicht laut und nicht langsam zu sprechen. Sie hörte alles. Sie verstand alles. Ihre Antworten sprudelten nur so heraus.

Sie wurde 1906 geboren, als Deutschland ein Kaiserreich war und die Welt noch nicht die beiden Kriege kurz nacheinander erlebt hatte. 1906 bebte die Erde in San Francisco, in Frankreich wurde Capitaine Dreyfus rehabilitiert, in England wurde die Labour Party gegründet, Mahler komponierte seine 6. Symphonie, das SOS wurde als internationaler Notruf anerkannt und der Arzt Alois Alzheimer diagnostizierte zum ersten Mal die Krankheit, die seinen Namen tragen und hundert Jahre später Verwüstungen anrichten sollte.

Bei Anna Aufderheide keinerlei Anzeichen von Gedächtnisschwund. Sie erinnerte sich an alles. Von einem Ende zum anderen erzählte sie das 20. Jahrhundert, das sie in ihrer Heimatstadt Berlin durchwandert hatte. Ihre Kindheit, als sie auf der Straße gespielt hatte, Seilspringen, Ballwerfen, sich mit den Rollschuhen an einen Wagen anhängen. Der Kohlrübenwinter im Ersten Weltkrieg. Man machte alles aus Kohlrüben, sogar Marmelade. Das Quietschen der Straßenbahn und ihr Gebimmel bildeten Berlins Geräuschkulisse. „Heute wollen alle überall hinfliegen, aber die Leute wollen den Lärm nicht!“ Sie erzählte vom Einmarsch der Russen 1945, von der Ausgangssperre um 6 Uhr abends, von der Suche nach Holz zum Heizen in den Ruinen. Welcher Schatz, wenn man unter den Trümmern einen Teelöffel fand! Sie war zwei Mal ausgebombt und hatte alles verloren. Ich hätte ihr noch viele Stunden zuhören können. Ich wollte sie noch so viel fragen. Am meisten überraschte mich die völlige Abwesenheit von Verbitterung und Resignation, ihre Weisheit, ihre jungmädchenhafte Fröhlichkeit, ihre Lebensfreude, selbst jetzt, wo das Leben sich auf ihr Zimmer beschränkte.

Wie viele solche 105-jährige Naturwunder mag es in Berlin noch geben?, fragte ich mich, während ich ihr zuhörte. Und wie schafft man es, sich in einer solchen Form zu erhalten? Die Gymnastik, hatte sie mir verraten. Ihr ganzes Leben hatte Anna Aufderheide Gymnastik getrieben und war gewandert, allein, noch mit über 90 Jahren, in den hohen einsamen Bergen. Der Humor, dieser knappe Berliner Witz, den ich so liebe, dachte ich, während ich mich beim Zuhören vor Lachen bog. Diese unschätzbare Gabe, die es uns ermöglicht, den Wechselfällen des Lebens die Stirn zu bieten und einen Moment den Deckel vom Topf zu heben, um Dampf abzulassen und den Dingen ihre Schwere zu nehmen. Um ein wenig Gelassenheit zu finden. „Fröhlich und wortgewitzt ging sie aufrecht durch ihr langes Leben. Bis zuletzt nahm sie ihren Weg selbst in die Hand und ließ sich nicht unterkriegen“, heißt es in der von ihren Freunden geschriebenen Todesanzeige. Am 25. Juni 2012 starb Anna Aufderheide. Und mit ihr ging ein kleines Stück Berlin.

Aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Thielicke.

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