Mon BERLIN : Alle splitternackt

Niemand außer den Deutschen wartet auf die Ampelfrau oder das Ampelweibchen. Alle anderen gehen bei Rot über die Straße. Ein Kommentar

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Tagesspiegel-Kolumnistin Pascale Hugues liest und diskutiert im Tagesspiegel-Salon.
Tagesspiegel-Kolumnistin Pascale Hugues.Foto: Thilo Rückeis

Welch absurde Ideen sich wohl bei den strengen deutschen Wächterinnen über die Gendergerechtigkeit breitmachen, wenn sie das Gleichgewicht der Geschlechter wieder herstellen wollen, das sich seit Jahrhunderten auf die Seite der Männer neigt? Und nun haben sich die Gleichstellungsbeauftragten (nebenbei bemerkt – welch fader Zungenbrecher für eine Passionaria!) mehrerer deutscher Städte in einen neuen Kampf gestürzt: Die Ampelmännchen sollten durch Ampelfrauen ersetzt werden. Schon lange rätselt man, welchem Geschlecht die Engel angehören. Jetzt stellt sich die gleiche Frage für die Städte. Der öffentliche Stadtraum, so die Feministinnen, ist männlich dominiert. Er muss geschlechtergerechter gestaltet werden.

Ampelfräulein, Ampelmädchen, Ampelweibchen?

Doch die Probleme beginnen schon mit dem Taufnamen. Wie soll man sie nennen? Ampelfräulein, Ampelmädchen, Ampelweibchen, all diese Verkleinerungsformen riechen nach Diskriminierung. Ampelmadame würde der tristen Sprache der Straßenverkehrsordnung ein gewisses mondänes Flair einhauchen. Doch plädieren wir für die schmuckloseste Formel: Ampelfrau.

Als Nächstes die dornige Frage der Garderobe. In den Städten, in denen es die Damen bereits gibt, tragen diese Symbole der urbanen Emanzipation weite Glockenröcke und – halten Sie sich fest: Zöpfe! Suchen Sie in den Straßen der deutschen Städte doch mal eine Frau, gleich welchen Alters oder welcher sozialen Herkunft, die sich noch nach der Mode der 60er Jahre kleidet. Außer im rheinländischen Karneval werden Sie keine finden. Was für eine altbackene und rückschrittliche Darstellung der Frau! Irgendwas zwischen Mary Poppins und Rotkäppchen im tiefen Wald. Fehlt nur die Schürze und der Korb mit Kuchen und Rotwein. Sicher, der Umriss einer zeitgenössischen Ampelfrau ist nicht leicht auszuschneiden: Bobschnitt, Knoten, kurze Haare à la Jean Seberg oder Punkrasur? Hosenanzug, Jeans, Minirock oder Minishorts? Unlösbar das Problem der Absätze: Mit flachen Schuhen sieht sie aus wie ein Mann, wozu dann das Design ändern? Mit hohen Absätzen erinnert sie an eine Barbie, das Feindbild par excellence.

Die Lösung: alle splitternackt

Damit erhebt sich die eigentliche Frage: Wie unterscheidet sich in unserer androgynen Gesellschaft eine Frau von einem Mann? Schon lange spielt die Dichotomie Hut/Hose und Zopf/Rock keine Rolle mehr. Wollen wir die äußere Differenzierung der Geschlechter auf null zurückstellen, sehe ich nur eine radikale Lösung: alle splitternackt und im Profil. Der Ampelmann mit erigiertem Penis. Und die Ampelfrau mit spitzen Brüsten und Pobacken wie eine halbierte Melone. Dann ist wenigstens Schluss mit der Unklarheit. Und um die Leuchtfläche zu vergrößern, wählt man statt der magersüchtigen Silhouetten der heutigen Frauen die üppigen Rundungen à la Rubens. Diese Lösung hätte außerdem den erfreulichen Nebeneffekt, dass die Fußgänger ein paar Sekunden in erotische Träumereien versinken könnten, während sie an der Ampel warten. Allerdings würde man wegen Gefährdung der öffentlichen Moral die Verfolgung durch Jugendamt und Sittenpolizei riskieren. Bleibt die Frage: Bringt der Kampf um die Ampelfrau die Sache der Frauen voran? Wie nützt er der jungen Mutter, die mit ihrem Kind im Buggy und ohne Kindergartenplatz auf Grün wartet?

Eine Anmerkung noch, die sich mir aufdrängt. Mann, Frau, Sexist oder nicht. Alle Ausländer werden Ihnen sagen, dass es ihnen völlig egal ist. Nicht, weil wir besonders sexistisch oder von unverbesserlichen Machos beherrscht würden. Sondern weil – ob in Paris, Rom oder London, in New York, Tel Aviv oder selbst in Lausanne, im frankophonen Teil der Deutschland so ähnlichen Schweiz – nirgendwo jemand brav abwartet, dass das Ampelmännchen oder seine Gattin das Überqueren der Straße erlaubt. Nur in Deutschland warten die gehorsamen Passanten aufgereiht wie Perlen an einer Schnur am Straßenrand, selbst wenn die Straße verlassen daliegt und kilometerweit kein Auto zu sehen ist. Überall sonst geht man bei Rot über die Ampel, man läuft Slalom zwischen den Autos, man wirft sich in die stürmische Flut des Verkehrs und: Inschallah.

Aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Thielicke.

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