Meinung : MON BERLIN Auf der Suche nach der verlorenen Heimat

Pascale Hugues

Mittwochmorgen. Während ich in meinem italienischen Stehimbiss in Schöneberg einen Espresso zu mir nehme, entdecke ich unter luxuriösen mediterranen Süßigkeiten eine Tube Nestlé-Kondensmilch, blau-weiß, glänzend und wohlgerundet. Ein plötzlicher Strom von Erinnerungen überkommt mich. Die drückende Hitze beim Frühstück im Lubéron. Meine Tante im weißen Morgenrock, wie sie Kondensmilch auf länglichen Brotscheiben verteilt. Ich hatte die Existenz dieser Ikone meiner französischen Kindheit völlig vergessen. Ich mag Nestlé-Milch nicht einmal besonders. Aber mit einem Mal bin ich wie verzaubert, ergriffen, gerührt, zurückversetzt in eine Welt, die für immer verloren ist. Während ich die Akazienstraße hinunterlaufe, packt mich das Heimweh an der Gurgel. Ich träume von sirop grenadine, von petits pains au chocolat, vom Fernsehabend mit Commissaire Maigret.

Mittwochabend, 21 Uhr 15. Prime time auf RTL. Der Virus der Ostalgie-Shows hat mich infiziert, ich klebe am Bildschirm fest. Katarina Witt zappelt auf dem Syntheticsofa herum wie ein gedopter Floh in Jungpionier-Uniform (die, wie sie dem Publikum errötend anvertraut, obenrum geweitet werden musste, um ihre fraulichen Maße unterzubringen). Arme Eisprinzessin: Mit ihrem Sachsen-Akzent und ihren Zöpfchen wirkt sie wie eine frisch verblühte Lolita aus dem Provinzbordell. Die Ausstatter bei RTL scheinen zu glauben, die wiederauferstandene DDR mit glitzernden Fernsehkulissen adeln zu können. Ich bin angewidert, aber ich bleibe standhaft. Als Henry Maske in einem Trabi auf die Bühne rast, verklemmt hinter dem winzigen Lenkrad, verliere ich die Nerven. Um 21 Uhr 50 kann ich nicht mehr. Ich schalte ab.

Man hatte sich daran gewöhnt, den DDR-Bürger im Kino systematisch als albernen, naiven Spießer repräsentiert zu sehen, im Unterhemd, mit einem Spreewaldgurkenglas, der proletarischen Version einer Proustschen Madeleine. Aber was für Abgründe tun sich nun auf! 6,44 Millionen sahen die RTL-Show, 38 Prozent der Ostdeutschen sahen sich diese Karikatur ihrer selbst an! Am Telefon klärt mich die Redakteurin der ersten, vom ZDF ersonnenen Show dieses Genres, eine junge Frau mit Odenwald-Akzent, auf: „Die Medien vermitteln ein sehr schlechtes Bild von Ostdeutschland. Mit der DDR verbindet man nur Unterdrückung, Unrechtsregime, Stasi-Akten, Mangelwirtschaft, Umweltverschmutzung. Die Zeit ist reif für eine neue Herangehensweise: die Alltags-Kultur.“

Aufgeregt ringt sie nach Beispielen: „Oh ja, dieses Klopapier!“ „Stimmt, wir haben ja auch gelacht!“ Wirklich? In einer Diktatur? Oh, diese wohlwollende, verächtliche Herablassung der westdeutschen Fernseh-Apparatschiks! Denn ZDF, RTL und all die anderen glauben sich ernsthaft mit einer großen therapeutischen Mission betraut, die es den Ostdeutschen 13 Jahre nach dem Mauerfall erlauben soll, Frieden mit ihrer Geschichte zu schließen, „ihr Selbstvertrauen wiederzufinden“, wie die Dame aus Mainz stolz erklärt, „und sich freizumachen von ihrer Schuld“. Amen.

„Nostalgie“, hat Saint-Exupéry einmal gesagt, „ist ein Verlangen nach man-weiß- nicht-was“. Ich habe keine Lust, mir morgens Kondensmilch auf meine Berliner Schrippen zu schmieren und der Sonntags-Tatort hat mir Kommissar Maigret wunderbar ersetzt. Und natürlich haben auch die Einwohner der NBL (wie man die Ossis technisch gesehen taufen muss) kein Verlangen nach den kahlen Schaufenstern ihres Konsums. Ich kann mir absolut nicht vorstellen, dass sie die debile Absolution der Ostalgie-Shows nötig haben, um mit ihrer schwierigen Geschichte fertig zu werden.

Die Autorin schreibt für das französische Magazin „Le Point“. Foto: privat

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