Mon BERLIN : August, der Starke

Schicksal des Sommers: Pascale Hugues, Le Point, über den gefährlichen Monat August.

Hüten Sie sich vor dem August! Es ist ein gefährlicher Monat. Ernste Dinge geschehen. In einer Augustnacht (1572), in der Bartholomäusnacht, wurden in Frankreich die Protestanten massakriert. Im August (1792) wurde die französische Monarchie abgeschafft, und im August (1945) wurde über Hiroshima die erste Atombombe abgeworfen. Im August (1961) wurde die Berliner Mauer gebaut, und im August (1173) der Turm von Pisa. Im August (1971) stahl ein Anstreicher die Mona Lisa aus dem Louvre. Im August sind berühmte Tote zu beklagen: Kleopatra, Marilyn Monroe, Elvis Presley, Lady Diana und Jeanne Calment, der älteste Mensch: Calment wartete bis zum August (1997), um im Alter von 122 Jahren und 164 Tagen zu entschlafen. Die Nähmaschine (1851) wurde ebenso im August erfunden wie die Ampel (1914). Als wollte das Schicksal die Fülle des Sommers, die geistige Benommenheit, die allgemeine Erschlaffung nutzen, um große Ereignisse hervorzubringen, geniale Ideen, absurde Bauwerke, gewaltsame Tode. Der Monat August ist nichts für Ängstliche und Abergläubische. Der August ist ein Hochrisikomonat. Nur mit Mut kann man ihn durchqueren.

Im August 1944 wurde Paris befreit. Und Paris im Monat August ist ein Mythos. Paris entvölkert. Die Pariser brechen zu den Stränden auf. Paris ist fest in der Hand der japanischen Touristen. Der Verkehr fließt, man kann mit dem Fahrrad die Place de la Concorde überqueren. Paris im August ist die Zeit der verbotenen Liebe: Frauen und Kinder sind mit den Schwiegereltern in der Sommerfrische, die Ehemänner bleiben allein in der Stadt zurück, die Chefs sind in Ferien, man hat genug Zeit für die Liebe am Nachmittag. Plötzlich ähnelt Paris einem gigantischen Swingerclub. So wenigstens erträumen es sich die Deutschen.

„Gott gebe, dass mein Traum

ein wenig vom August

auf deinen Lippen,

ein wenig von Paris in deinen Au gen zu finden

lebendig wird, und unsere Leidenschaft

neu entflammt“

singt Charles Aznavour. Paris im August ist ein nationales Denkmal. Ein Teil der französischen Identität.

Nun stehen Sie auf, gehen Sie ans Fenster und werfen Sie einen Blick auf Berlin im August. Energiegeladen ist man aus den Ferien zurückgekommen, und was findet man vor? Einen grauen Himmel, einen dunstigen Nieselregen, der in kalten Fetzen auf die Dächer der Hauptstadt niedergeht. Manchmal hellt es sich auf. Aber so ein Sommereinbruch dauert nur ein paar Stunden, manchmal zwei dürftige Tage. Tief Nikolas führt Novemberwetter im Schlepptau. Berlin verströmt den morbiden Charme eines englischen Badeortes in der Nachsaison. Die Schwimmbäder sind verödet, die Seen verlassen, die Biergärten leer, die Freilichtkinos haben ihre Vorstellungen abgesagt …

Man hat den Eindruck, dass die ganze Stadt vor sich hin siecht. Nur die Mücken profitieren von der Feuchtigkeit, indem sie sich vermehren und das Blut der Draufgänger saugen, die ein Picknick im Tiergarten riskieren. Wenigstens die Mücken sind im August in Berlin glücklich! Mein Stammcafé hat die Winterdecken ausgepackt, um die Knie der Gäste einzuwickeln, die sich tatsächlich auf die Terrasse wagen, die Sonnenschirme sind zu Regenschirmen umfunktioniert. Zwischen den Tischen bewegt sich die „Motz“-Verkäuferin, schwarz lackierte Nägel, ausgefranstes gelbes Haar. Bonjour Tristesse. Man mag nicht mehr hier bleiben. Nichts wie weg, sonst …

Oder aber man lernt im August ein neues Leben in der Stadt. Man lernt, die Freiheiten zu nutzen, die sie uns schenkt. Man lernt, zu Hause den Touristen zu spielen. Ein neues Café ausprobieren, einen anderen Kiez erforschen, endlich Zeit, ins Museum zu gehen, mit dem Vergnügungsdampfer zu fahren oder stundenlang auf dem Balkon überhaupt nichts zu tun …

Gegen den Strom leben, am Tag schlafen, nachts ausgehen. Ein bisschen Anarchie wenigstens einmal im Jahr. Im Monat August kann man die eingefahrenen Wege verlassen, die Gewohnheiten und ein wenig sogar sein Leben ändern – die Dinge mit neuem Blick betrachten. Berlin ist nicht mehr so wie immer. In den Straßenecken, die einem so vertraut geworden waren, dass man sie kaum mehr wahrnahm, hat sich unversehens eine gewisse Fremdheit eingenistet. Plötzlich im Monat August überrascht Berlin. Sogar im Regen. Aber beeilen Sie sich!

Am 1. September ist die Chance schlagartig vorbei. Mit einem Mal kehrt Berlin zu seinen alten Gewohnheiten zurück. Genau wie Sie. Die Verrücktheit des Monats August wird ebenso vergangen sein wie ein Sommernachtstraum.

Aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Thielicke.

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