Mon Berlin : Besser als Botox und Lifting

Warum die Berliner die wahren Gentlemen sind - die Einzigen, die noch wissen, wie man mit einer Frau von heute spricht, wie man sie verführt und beflügelt.

Pascale Hugues
Pascale Hugues schreibt für das französische Magazin "Le Point".
Pascale Hugues schreibt für das französische Magazin "Le Point".Foto: Tsp

Mademoiselle“, schrieb mir gestern der Sachbearbeiter meiner Pariser Krankenkasse, „ich habe Ihren Brief bezüglich Ihres versicherungsrechtlichen Status erhalten … “

Mademoiselle … auf der Stelle fegte der Charme dieses Wortes die endlose Liste der zu beschaffenden Unterlagen vom Tisch. Mademoiselle, statt mich durch die bürokratische Last erdrücken zu lassen, verließ ich das Haus strahlend, das ganze Leben lag vor mir. Vergiss Botox und Lifting, sagte ich mir, wie ich so über die Schöneberger Trottoirs tanzte. Stürz dich in einen Schriftverkehr mit der französischen Sécurité Sociale, und schon bist du 20 Jahre jünger, gratis und ohne Nebenwirkungen.

Wenn man im Exil lebt, lässt das eigene Land sich in der Zeit der Abwesenheit zu grässlichen Revolutionen hinreißen. Die jüngste in der Reihe: Der Premierminister hat das Feld „Mademoiselle“ in offiziellen Formularen streichen lassen. Ein Sieg der feministischen Organisationen in Frankreich, die die Trennung zwischen unverheirateten und verheirateten Frauen als Diskriminierung ansah. In einem Chatroom entdeckte ich einen Lkw-Fahrer aus Angoulême, der mir aus dem Herzen sprach: „Warum kümmert die Regierung sich nicht lieber um die Arbeitslosigkeit als so einen Scheiß zu verzapfen!“ Bravo!, stimmte ich zu und stellte mir den Macho mit seinen massigen Armen vor, den Pirelli-Kalender in seiner Fahrerkabine angepinnt, das Medaillon mit der Heiligen Jungfrau in seinem Pullover vergraben, diesen Mann, mit dem ich mich heimlich verbündete.

Zum ersten Mal wurde ich Mademoiselle genannt, als ich in die Oberschule kam. Ich war zwölf Jahre alt und hatte einen neuen Füller bekommen. Ich war stolz auf den neuen Titel und das „Sie“, das unsere Lehrer uns zugestanden. Der Übergang von der Mademoiselle zur Madame fand wesentlich später statt. Denn Madame muss man sich verdienen. Elegant und respektgebietend. Um Madame genannt zu werden, muss man Fältchen um die Augen und schon einiges erlebt haben. Madame ist eine Huldigung.

Auf die Gefahr hin, von den Feministinnen gelyncht zu werden, muss ich Ihnen gestehen, dass ich das Wort Mademoiselle liebe. Es ist luftig mit seinen endlosen ll. Eine Höflichkeitsbezeugung, auf die auch viele emanzipierte Frauen nie verzichten wollten. Coco Chanel ließ sich ihr Leben lang als Mademoiselle ansprechen. Traditionell werden die Schauspielerinnen der Comédie française Mademoiselle genannt, ganz gleich, wie alt sie sind. Georges Brassens hat ein wunderschönes Lied über eine Demoiselle geschrieben, am Kirmessonntag auf der Schaukel, die Röcke im Wind. Mademoiselle gehört zum französischen Kulturerbe.

Die deutschen Frauen, emanzipierter als wir, wenn es um die Befreiung des Wortschatzes geht, haben die Initiative ergriffen. Seit 1972 ist das Wort Fräulein aus der Alltagssprache verbannt. Nur reaktionäre Patres familias machen den Ihren Schande, wenn sie im Restaurant in die Hände klatschen und vom Fräulein die Rechnung verlangen. Aber warum versucht die französische Regierung geradezu zwanghaft, die Deutschen in allen Bereichen nachzuäffen? Ich mag das Wort Frau nicht, so trocken, so wenig feminin, so guttural. Frau lässt an eine kratzbürstige Katze denken, nicht an eine Femme fatale.

Die wahren Gentlemen, die einzigen– und ich weiß, dass Sie das überraschen wird –, die einzigen, die noch wissen, wie man mit einer Frau von heute spricht, wie man sie verführt und beflügelt, die einzigen sind die Berliner.

Nein, nein, ich bin nicht von Realitätsverlust heimgesucht. Ich leide auch nicht unter Hörproblemen. Seit ich in Berlin lebe, und jedes Jahr ein bisschen mehr, zucke ich vor Freude zusammen und erröte leicht, wenn der Fleischer mir ein „tschüss, junge Frau“ nachruft. Lange Zeit habe ich diese Artigkeit als Kompliment interpretiert. Bis zu jenem verhängnisvollen Tag, als vor mir in der Warteschlange, zwischen Schweinefilets und Frankfurter Würstchen, eine sehr alte Dame, ganz verkrümmt und faltig, gefragt wurde: Was soll’s sein, junge Frau? An jenem Tag fingen die Uhrzeiger an, sich rasend schnell zu drehen. Ich habe mich den Tatsachen gebeugt: Man kann die Zeit nicht anhalten. Deshalb habe ich heute Morgen beschlossen, das Foto für „Mon Berlin“ nach vielen Jahren ins Album der Erinnerungen zu stecken. Hier ist eine aktuelle Version.

Wenn ich es mir recht überlege, die Berliner haben mir zu einer guten Idee verholfen, die ich Nicolas Sarkozy auf diesem Weg ins Ohr flüstere. Neues präsidentielles Dekret: Ab heute werden alle Französinnen, von der Wiege bis zur Bahre, als Mademoiselle bezeichnet. Und mit einem Schlag bevölkern die Straßen sich mit Millionen dankbarer Wählerinnen.

Aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Thielicke.

7 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben