Mon BERLIN : Bodega Bay im Hinterhof

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Noch vor wenigen Jahren wurde ich morgens vom monotonen Gurren einer gewöhnlichen grauen Taube geweckt. Gelegentlich ertönte das hysterische Tschilpen eines Spatzenschwarms in meinem Berliner Hinterhof. In manchen Nächten hatte man das Glück, eine Nachtigall zu hören, deren Gesang die Mauern emporstieg. Die meiste Zeit waren von der friedlichen Bevölkerung dieses dunklen und feuchten Schachts keine Überraschungen zu erwarten.

Diese Woche hat sich eine Gruppe Raben im Geäst und auf den Dächern niedergelassen. Etwa zwanzig gedrungene schwarze Silhouetten auf den Zweigen, den Schornsteinen, den Fernsehantennen. Ich hörte ihre kraftvollen rauen Schreie. Alles war grau. Ein dichtes Grau. Kein Lichtstrahl im Berliner Himmel. Und ich dachte an die Mythen und Legenden, in denen der Rabe eine schlechte Nachricht überbringt.

Ja, der Rabe hat einen miserablen Ruf. Zweifellos liegt das an seiner physischen Erscheinung: Seine durchdringenden kleinen Augen, sein zerzaustes und dabei glänzendes schwarzes Federkleid, sein langer harter Schnabel … die Raben in meinem Hinterhof könnten ohne Weiteres als Komparsen bei Hitchcock auftreten. Anscheinend haben die Raben in Berlin bereits mehrere harmlose Passanten angegriffen. Sie haben ihnen mit dem Schnabel in den Hals und in die Haare gehackt. Hemmungslos. Wie im Film. Was bereitet sich hier vor, fragte ich mich, während ich sie beobachtete. Bodega Bay im Hinterhof. Ein Horrorthriller vor meinen Fenstern. Man kann sich mühelos ein passendes Szenario ausmalen.

Noch irritierender: Der Rabe ist sehr intelligent, er verfügt über eine beinahe cartesianische Logik, so behaupten es jedenfalls die Ornithologen. In einem riesigen Abfallhaufen kann er einen winzigen Fetzen Fleisch ergattern, er kann einen Rest Käse von seiner Cellophanhülle befreien. Sehen Sie ihnen doch mal zu, wie sorgfältig sie unsere Mülltonnen durchwühlen. Wie geschickt sie Nester plündern und Aas zerlegen.

Kreiste der Rabe nicht über den europäischen Schlachtfeldern und ernährte sich von den Leichen? Und wenn man an die derzeitigen europäischen Turbulenzen und die große monetäre Instabilität denkt – ist die Invasion dieser beunruhigenden Vögel in Berlin nicht als ein sehr schlechtes Omen zu werten?

Schluss damit! Wir alle verfügen über einen gesunden Menschenverstand, unsere Füße stehen fest auf dem Boden der Tatsachen. Keine irrationalen Geister, keine defätistischen Kassandren und andere Angstmacher bei uns! Schon lange fürchten wir uns nicht mehr vor schwarzen Katzen, Kröten, Fledermäusen, Schlangen, vor all diesen Tieren, die den Teufel und den Antichrist verkörpern. Lassen wir uns von einem albernen kleinen Vogel also nicht aus der Fassung bringen!

Das Auftreten von Raben in unserem Hinterhof hat allerdings einen Anfall nachbarschaftlicher Panik ausgelöst. Die Kinder wollten eine kolossale Vogelscheuche mit gigantischen Armen und einem großen Grinsemaul bauen. Der Hausmeister fragte sich, ob er sich mit einem Anruf beim Kammerjäger, dem Spezialisten für Ratten und Mäuse, wohl lächerlich machen würde. Ein Nachbar, den ich jetzt in ganz neuem Licht sehe, enthüllte seine wahre Identität, denn er wollte als Terminator sein Gewehr und seine Fähigkeiten in unseren Dienst stellen. Ich weiß nicht, ob jemand ein Kruzifix auf die Fensterbank gestellt hat.

Kündigen diese Raben ein Unheil an? Eine Epidemie? Einen Krieg? Einen Börsenkrach? Was weiß ich. In England steht der Rabe seltsamerweise für Glück und Reichtum. Wenn Sie sich an Ihre Klassenreise nach London erinnern: Man sagt, dass das Königshaus an dem Tag untergehen wird, wo die sieben Raben den Tower verlassen. Die Untertanen Ihrer Allergnädigsten Majestät sorgen für sie und füttern sie großzügig. Man hat ihnen sogar die Flügel gestutzt, damit sie nur nicht wegfliegen. Wenn ein Rabe stirbt, wird er sofort ersetzt. Deshalb habe ich vorgeschlagen, einen Ravenmaster mit Zylinder, schwarz-rotem Gehrock und großen goldenen Knöpfen für den Hinterhof zu engagieren, damit er über unsere Raben wacht.

Es überrascht mich etwas, dass meine Idee nicht auf ungeteilte Zustimmung gestoßen ist. So abergläubisch sind nur die Engländer, hat man mir entgegengehalten.

Aus dem Französischen

übersetzt von Elisabeth Thielicke.

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