Mon BERLIN : Botticelli mit Salbe

Pascale Hugues[Le Point]

Wenn Sie keine Eintrittskarte mehr für die seit Wochen belagerte Ausstellung „Gesichter der Renaissance“ ergattern können. Wenn Sie keine Lust haben, drei Stunden vor dem Bode Museum anzustehen und sich von den ersten feuchten Herbstböen zerzausen zu lassen. Wenn Sie es lächerlich finden, sich durch die Menge der Leiber zu kämpfen und sich auf die Zehenspitzen zu stellen, um über den Köpfen eines halben Dutzends Besucher für ein paar Sekunden ein Bild zu erspähen. Wenn die lauten Kommentare der anderen Ihre Versenkung stören. Wenn Sie den Viren entgehen möchten, die durch die Säle des Museums flattern … Dann habe ich einen Rat für Sie: Ziehen Sie sich warm an, nehmen Sie eine Thermosflasche Tee mit und setzen Sie sich auf eine Bank am Rand einer der großen Berliner Straßen. Sie werden ein Frauengesicht vorüberziehen sehen, die Nase edel gebogen, die Locken gekonnt arrangiert. Botticelli ohne Stress. Ohne Warteschlange. Ohne Gedrängel. Und die Schöne ist nur für Sie da. Ein exklusiver Besuch. Eine kleine Aufmerksamkeit der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG).

Denn haben Sie in diesen Tagen die Seiten der Berliner Busse betrachtet? Sie dienen den so schönen Profilen der für Sie unsichtbaren Ausstellung als Leinwand. Im Stau werden Sie von Fürsten und Kondottieri überholt. Reiche Kaufleute und schöne Venezianerinnen streifen an den Bürgersteigen vorbei. Die BVG verfolgt eine gute Absicht: die Kunst den kleinen Leuten nahezubringen, die schlecht gelaunt, mit mürrischer Miene, gestresstem Körper und der ersten Erkältung der Saison in der Nase in den Bussen der Hauptstadt unterwegs sind.

Ja, scheint die BVG zu sagen, es gibt Burn-out, Mobbing, die dröhnenden Wutanfälle des Chefs … Aber die erlösende Kunst besiegt all die kleinen Frustrationen des Alltags. Laufen Sie alle auf die Museumsinsel ins Bode Museum, und Ihre Ärgernisse werden sich auflösen wie ein Aspirin in einem Glas klaren Wassers.

Übrigens kam die BVG nicht als Erste auf die effektvolle Idee, ihr Produkt mit berühmten Werken zu schmücken. Erinnern Sie sich an Botticellis „Geburt der Venus“, die in den Dienst einer Kosmetikfirma gestellt wurde. Ich wage mir nicht vorzustellen, wie oft das „Angelusgebet“ von Millet, die „Tänzerinnen“ von Degas oder das „Lächeln“ der Mona Lisa schon dazu herhalten mussten, einen Käse, ein Parfum, einen Kräutertee anzupreisen …

Wie ich so die Busse vorbeifahren sehe, frage ich mich, ob Botticelli und Co. das wirklich verdient haben. Besonders, wenn man auf der anderen Busseite plötzlich den dürftigen Reim entdeckt: Ketchup Werder. Schön lecker!

Und ausgerechnet auf der Rückseite, auf dem Hintern des Busses sozusagen, die Werbung für eine Salbe gegen Hämorrhoiden, diese schmerzhaften Rektalknötchen – bis heute ein Tabu, trotz Charlotte Roches Versuchen, sie salonfähig zu machen. Auf jeden Fall haben Werder-Ketchup und Posan-Salbe eine Sofortwirkung: Die Gesichter der Renaissance sind mit einem Schlag entzaubert. Ausgelöscht sind die florentinischen Palazzi, ihre langen Gänge mit dem blauen Marmor, in denen sich das Licht der Toskana ganz sanft reflektiert. Ich sitze auf meiner Bank und bin – plopp – zurück in der profanen Berliner Wirklichkeit.

Das Problem ist der Widerwille, den die umfassende Verwendung von Kunstwerken auslöst. Ich kann die Venus in ihrer Jakobsmuschel nicht mehr sehen, ohne an Anti-Aging-Cremes zu denken. Und habe ich das geträumt, oder wurden die Pobacken von Michelangelos David bereits missbraucht, um eine schmerzlindernde Salbe zu empfehlen? Jedenfalls kommt diese Assoziation mir in den Sinn. Nie mehr höre ich freiwillig Vivaldis Frühling; er lässt mich an Aufzugfahrten denken. Oder Mozarts „Kleine Nachtmusik“, die mich in die Warteschleife meiner Krankenkasse versetzt.

Aus dem Französischen

übersetzt von Elisabeth Thielicke.

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