Mon BERLIN : Das Fernweh dieser Stadt

Im Frühling erfasst die Berliner ein nur schwer zu linderndes Leiden. Deshalb basteln sie sich ferne Horizonte.

Pascale Hugues[Le Point]

Fernweh … Eines dieser so schönen und so gar nicht übersetzbaren deutschen Wörter. Das Verlangen, woanders zu sein … der Wunsch aufzubrechen – das sagen die positiv gestimmten Plakate der Reisebüros. Dabei ist das Fernweh schmerzhaft, kaum zu ertragen. Dieses nur schwer zu lindernde Leiden erfasst die Berliner, kaum dass der Frühling erscheint. Um davon loszukommen, basteln sie sich ferne Horizonte.

Denken Sie nur an die Landrover, die sich in den Berliner Straßen vermehren. Da sitzen Sie am Steuer Ihres kleinen Stadtautos und werden von einer finsteren Riesenkutsche mit dunklen Scheiben überholt, doppelt so hoch, breit, schwer und schnell wie Ihre mickrige Kiste. Einen Moment glauben Sie an eine Halluzination: Ich habe mich komplett verfahren. Statt auf der Schönhauser Allee bin ich zum Kap der Guten Hoffnung unterwegs. Im tiefsten Südafrika rolle ich auf der unbefestigten Piste eines Nationalparks dahin. Gleich wird eine Giraffe den Ku’damm überqueren, eine Elefantenherde friedlich auf dem Alexanderplatz weiden.

Haben Sie schon bemerkt, dass die Insassen dieser auf dem glatten Straßenbelag so lächerlich wirkenden Geländewagen häufig Tweedsakkos und flaschengrüne Gummistiefel tragen, wenn sie bei Reichelt einkaufen? Fehlt nur noch der Tropenhelm und die sandfarbene Safarijacke, um die Illusion zu vervollkommnen und den trüben Alltag zwischen den Regalen mit Haushaltsbedarf und den blassen Kassiererinnen zu vergessen. Landrover-Besitzer sehnen sich nach einer Welt à la Rosamunde Pilcher – englisch, chic, reich, sentimental und doch ein bisschen gewöhnlich. Der Landrover ist die aufgetakelte Möchte- gern-Version des proletarischen Wohnwagens. Mit einem Wohnwagen fährt man sonntags an den Müggelsee. Mit einem Landrover rast man stracks zum Kilimandscharo. Und im plebejischen morgendlichen Stau zum Büro spielt man ganz allein Kolonialmacht. Manche beschwichtigen ihr Fernweh mit anderen Tricks. Mein Nachbar im Erdgeschoss ist in die Haut eines Gentleman-Farmers geschlüpft. In unserem Hinterhof, einem sonnenlosen Loch, düster und immer etwas feucht wie das englische Wetter im August, verlegt er seit einer Woche einen Rasenteppich. Jeden Abend sieht man ihn, wie er nach der Arbeit mit Schaufel und Gießkanne auf den Knien herumrutscht. Auf der fest getretenen Erde rollt er sorgfältig einige Meter Rasen in Götterspeisengrün aus. Ein richtiges Cricketfeld in Miniatur.

Gerührt beobachte ich diesen Ausbruchsversuch von meinem Küchenfenster weiter oben. Das ist wirklich ein Mann mit unerschöpflicher Kreativität. Jedes Jahr wendet er sich einem anderen Land zu. Vor zwei Jahren hat er einen japanischen Garten errichtet, mit kleinen Teichen, Blumenschalen und einem tönernen Rhinozeros, das auf einer Allee aus weißen Kieselsteinen spazieren ging. Ein Zen-Paradies frei Haus. Japan zwischen einer Reihe Mülltonnen und dem Fahrradständer. Und voriges Jahr hat mein Nachbar sich in den Regenwald aufgemacht. Ja, wäre da nicht die ordinäre Kastanie mitten auf dem Hof, könnte man sich im Urwald glauben. Büsche, wilde Kräuter, üppig wachsender Farn und für die heißen Tage zwei Plastikbecken, blau wie die Südsee, in denen ein hübsches kleines Mädchen, eine schwarzhaarige Nymphe, den ganzen Nachmittag planschte und wie eine Taube gurrte. Fast erwartete ich, dass mein Nachbar sich auf die Bäume schwingt und, an einer Liane hängend, in meiner Küche landet. Ein Berliner Tarzan zwischen den Kartoffelbuletten zum Mittagessen.

Das Fernweh, die Sehnsucht nach einem anderen Leben, nach dem Ausbruch aus dem Alltagstrott und der erstickenden Enge der eigenen vier Wände. Und sein Gegenteil, das Heimweh, die Rückkehr in sein Land, die vertraute Umgebung, das Glockengeläut seiner Kirche. Fernweh contra Heimweh. Sind das nicht die beiden Titanen, die morgen zum Kampf antreten, wenn die Berliner für oder gegen die Erhaltung des Flughafens Tempelhof stimmen? Aus der Wohnung treten, die Tür schließen, ein paar Schritte gehen und in ein Flugzeug springen, das ans Ende der Welt fliegt, oder sich im Bett umdrehen und bei offenem Fenster schlafen, beim Gesang der Vögel mitten in der Stadt, ohne den Lärm von Motoren?

Aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Thielicke.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben