Mon Berlin : Das Leben ist eine Raststätte

Die Raststätte beschränkt sich heute nicht mehr darauf, die Grundbedürfnisse der erschöpften Reisenden zu befriedigen. Auf mancher Autobahnraststätte könnte man völlig autark leben und würde nichts vermissen - eine Illusion der Freiheit.

Pascale Hugues

Die Raststätte schwebt zwischen zwei Welten. Nicht mehr ganz der Süden der Ferien: jeden Morgen Sonne, garantiert, die trockene duftende Hitze, die Kisten mit Melonen und reifen Pfirsichen, die langen Abende beim Trinken auf der Terrasse, die langen Tage beim Nichtstun. Und noch nicht so ganz Berlin und die brutale Rückkehr in die Normalität: der graue Himmel, der ununterbrochen Regenschleier trägt. Die Blätter der Kastanienbäume, schon beige und brüchig wie sehr altes Pergament. Dieses Jahr kündigt der Herbst sich früh an. Bevor man den festen Boden des Zuhauses erreicht, ist die Raststätte ein letzter Zwischenstopp auf einer vom Rest der Welt abgeschnittenen Insel. Ein Intermezzo außerhalb der realen Zeit.

Lassen Sie sich eines Besseren belehren! Die Raststätte ist alles andere als ein banaler Ort. Und ich bin nicht die Einzige, die hier einen Hauch von Abenteuer spürt. In ihr geschehen Dinge fern vom Alltäglichen. Während des Kalten Krieges wurden hier diskret Spione, beim sonntagabendlichen „Tatort“ mit Geld vollgestopfte Koffer ausgetauscht. Und in einem legendär gewordenen französischen Chanson besang Michel Fugain, Idol der Siebziger in Schlaghosen, wie eine große Romanze am Wegesrand auf der Autobahn A 7 in die Ferien begann.

Umso mehr, als die Raststätte sich heute nicht mehr darauf beschränkt, die Grundbedürfnisse der erschöpften Reisenden zu befriedigen: eine Tankstelle, Toiletten, ein Imbiss mit Pommes und Würstchen und einem Pott Filterkaffee, der Tote aufwecken würde – das war gestern. In unseren Tagen sind die Raststätten in der Lage, sämtliche Wünsche zu erfüllen, noch bevor sie ausgesprochen werden. Hier findet man alles: Fitnessraum, Spielplatz, Wickelraum, McDonald’s und Burger King, Espressogetränke in allen nur denkbaren Varianten, vor Ihren Augen zubereitete Pasta, Croissants, Ciabatta, frisch gepresste Fruchtsäfte, Spezialitäten der Region, durch die man gerade fährt, exotische Früchte, Zeitungen, Spielzeug, Zahnbürsten, eine Ruheecke mit Liegen für Autofahrer, die schon fast am Steuer einschlafen und eine kleine Siesta brauchen, und manchmal findet man sogar eine Kapelle für diejenigen, die nach 500 Kilometern besinnungslosem Druck auf das Gaspedal plötzlich von einem metaphysischen Bedürfnis gepackt werden und dringend mit dem Jenseits in Kontakt treten wollen.

Dieser Überfluss ist fast obszön, das ist wahr. Manchmal sage ich mir, dass man auf der Autobahnraststätte völlig autark leben könnte und nichts vermissen würde. Ein wenig wie die verloren Seelen, die monatelang in den Flughafenhallen campieren. Natürlich ist die Autobahnraststätte nicht so international und schick wie ein Flughafen, aber zwischen Bankautomat und Rasenquadraten könnte man sich ein sehr bequemes Leben einrichten. Gut, ich gebe zu, dass die A 5 zwischen Alsfeld und Ohmtaldreieck eine wesentlich weniger mondäne Adresse ist als der Flughafen, auf dem die Jumbojets nach New York und Hongkong starten.

Doch kein Mensch im Vollbesitz seiner Kräfte sollte sich längere Zeit an einer Raststätte aufhalten. Nach einer Viertelstunde Pause muss es weitergehen. Noch ein paar hundert Kilometer, und die Realität wird Sie wieder niederstrecken: die 600 E-Mails auf dem Computerbildschirm, die endlose Reihe von Nachrichten auf dem Anrufbeantworter, die Berge schmutziger Wäsche, die auf dem Flur aufragen wie die Kette der Dents du Midi, die Verpflichtungen, die altneuen Aufgaben.

Seit ich wieder zurück bin, sage ich mir insgeheim, dass ich mich nicht auf die lange Reise in den Süden machen muss, wenn ich Atem schöpfen und den Urlaub ein wenig verlängern möchte. Nur wenige Kilometer von Berlin entfernt erwartet mich eine Autobahnraststätte. Hier werde ich die Illusion der Freiheit wiederfinden. Noch einmal für einen kurzen Moment dieses köstliche Gefühl der Schwerelosigkeit.

Aus dem Französischen

übersetzt von Elisabeth Thielicke.

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