Mon BERLIN : Das Poster von Gerhard Schröder über dem Bett von Carla Bruni

Die Franzosen haben neue Vordenker. Was früher einmal Montaigne, Mendès France und Malraux waren, sind heute Anjèla Mèrkèle und Jérar Schreudère.

Pascale Hugues

Wer ist Ihr maître à penser, Ihr Meisterdenker? Begründen Sie Ihre Wahl. So lautete ein Thema im Philosophieunterricht kurz vor meinem Abitur.

Damals verfügten wir über eine ganze Reihe Meisterdenker. Wir hatten nur die Qual der Wahl. Meine Favoriten waren Michel de Montaigne und Jacques Brel. Montaigne wegen der Weisheit, Brel wegen der Melancholie. Ein Meisterdenker war ein Stern am Firmament, er zerstreute unsere Zweifel und gab Antworten auf unsere Fragen als Heranwachsende. Wir ließen uns ihre Namen auf der Zunge zergehen. Mit Respekt, mit Verehrung. Wie die Bezeichnung es andeutete, beherrschten sie unser Denken, sie hüteten unsere Seelen, und viel stärker als unsere Philosophielehrer am Gymnasium beflügelten sie unsere nonchalanten Gehirne. Wegweiser auf den gewundenen Pfaden unserer kaum begonnenen Leben. Heute würde man von einem gesellschaftlichen Vorbild oder einem Guru sprechen, je nach Grad der esoterischen Veranlagung. Über meinem Bett hing ein Poster von Brel mit schweißüberströmtem Gesicht, sein unglaublicher Mund flehte Ne me quitte pas („Bitte geh nicht fort“)! Auf meinem Nachttisch logierte ein kahlköpfiger zierlicher Mann mit einer Halskrause, Gast aus einem fernen Jahrhundert. Seine „Essais“ lagen immer in Reichweite.

Auch die Politiker wurden verehrt, denn sie gaben Antworten auf die Fragen der Menschheit. Mein Vater war ein Adept von Pierre Mendès France, moralisch integre Symbolfigur der französischen Sozialisten. Meine Mutter schwärmte für Willy Brandt. Ich habe mich allerdings oft gefragt, ob diese Neigung in gleichem Maße der Ostpolitik galt wie dem Sexappeal des deutschen Kanzlers. Meine Tante schwor auf den ersten Kulturminister André Malraux, der die Pariser Fassaden in neuer Schönheit erstrahlen ließ. Für meinen besten Freund zählten allein Gandhi und Jane Birkin, ein Paar, das nicht zusammenzupassen schien, sich in Wahrheit jedoch perfekt ergänzte. Er befand sich im Hungerstreik und entsagte den fleischlichen Freuden. Sie stöhnte Je t’aime moi non plus mit ihrem hinreißenden englischen Akzent und ihren unschuldigen Rehaugen. Mein englischer Au- pair-Vater war ein Anhänger von Churchill, seiner Meinung nach der beste Historiker der Welt. Seine Frau schwärmte für Queen Mum und ihre kleinen Hüte. Und beide fanden, dass ihre jeweiligen maîtres à penser sich in keiner Weise Konkurrenz machten. Schon so lange regierten Monarchie und Demokratie ihre Insel in perfekter Harmonie.

Mein Großvater, Jahrgang 1896, hatte eine Gipsbüste von Charles de Gaulle ins Regal gestellt. Der Befreier Frankreichs war sein Held. Ich bevorzugte John F. Kennedy, er sah einfach besser aus als der General. Wenn ich an Vietnam dachte, schämte ich mich ein wenig für meine Wahl. Auf jeden Fall war JFK ehrenwerter als die Geschichten, die man sich heute erzählt und die einem kalte Schauer über den Rücken jagen. Ja, es wird mir komisch, wenn ich an diese jungen Frauen denke, die unbedarft und mit tremolierender Stimme gestehen, sie hätten im Alter von 17 Jahren ein Poster von Helmut Kohl über ihr Bett gehängt. Irgendwie abartig. Und meine eigene Entscheidung erscheint mir nicht mehr ganz so schlecht: Für JFK zu schwärmen ist sicher vernünftiger, als ein Groupie von Helmut Kohl zu sein!

Fragen Sie die Franzosen von heute nach ihren maîtres à penser, und automatisch werden ihre Köpfe sich gen Osten drehen. Wie aus einem Mund werden sie antworten: Anjèla Mèrkèle! Jérar Schreudère! Pétère Hartz (wobei sie mehrmals ansetzen müssen, um das unmögliche tz auszuspucken)! Nach allen Meinungsumfragen träumen die Franzosen davon, dass die deutsche Kanzlerin sie durch die Krisenzeiten führt. In seinem Fernsehinterview vor zwei Wochen sang Nicolas Sarkozy mit lauter Stimme das Loblied des früheren sozialdemokratischen Kanzlers. Und während ich seiner überquellenden Bewunderung lauschte, fragte ich mich, ob mein Präsident womöglich ein Poster von Gerhard Schröder über dem Ehebett angebracht hat, das er mit der schönen Carla teilt.

Aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Thielicke.

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